Wer eine Schulung besucht, eine Sprache lernt oder sich auf eine Prüfung vorbereitet, kennt das: Nach einer Woche ist ein großer Teil wieder weg. Das liegt nicht an mangelnder Disziplin, sondern daran, wie unser Gedächtnis funktioniert. Spaced Repetition – verteiltes Wiederholen – nutzt genau das aus. In diesem Beitrag können Sie die Prinzipien direkt ausprobieren.
Die Vergessenskurve: Wie schnell Wissen verschwindet
Hermann Ebbinghaus untersuchte 1885 in „Über das Gedächtnis“ an sich selbst, wie schnell er sinnlose Silben vergaß. Sein Ergebnis: Der Verlust ist direkt nach dem Lernen am größten und flacht dann ab. 2015 haben Murre und Dros das Experiment wiederholt und die Kurve im Wesentlichen bestätigt (PLOS ONE).
Probieren Sie es aus: Lassen Sie Tage vergehen und beobachten Sie, wie der Wert sinkt. Dann wiederholen Sie – und sehen, dass die Kurve danach flacher verläuft.
Tag 0 · behalten
100%
0 Wiederholungen
Das Modell ist bewusst vereinfacht. Die Kernaussage gilt aber in der Forschung als robust: Jede erfolgreiche Wiederholung macht eine Erinnerung stabiler, sodass die nächste Wiederholung später erfolgen kann.
Warum Abstände wirken: Spacing und Abrufen
Zwei Effekte stecken hinter Spaced Repetition:
- Spacing-Effekt: Dieselbe Lernzeit bringt mehr, wenn sie über mehrere Termine verteilt wird statt am Stück. Eine Metaanalyse von Cepeda et al. (2006, Psychological Bulletin) fasst hunderte Experimente dazu zusammen. Eine Folgestudie (Cepeda et al. 2008, Psychological Science) zeigt: Der optimale Abstand wächst mit der Zeit, über die man sich etwas merken will.
- Abrufübung (Retrieval Practice): Sich aktiv an etwas zu erinnern festigt stärker als erneutes Lesen. Karpicke und Roediger zeigten das 2008 in Science mit Vokabeln: Wer sich selbst abfragte, behielt deutlich mehr als Lernende, die nur wieder lasen.
Karteikarten verbinden beides: Man ruft die Antwort aktiv ab, und ein Algorithmus legt fest, wann die Karte wiederkommt.
Das Leitner-System: Spaced Repetition mit Karteikasten
Der Wissenschaftsjournalist Sebastian Leitner beschrieb 1972 in „So lernt man lernen“ ein einfaches Verfahren: einen Karteikasten mit mehreren Fächern. Gewusste Karten wandern ein Fach weiter und kommen seltener dran. Vergessene Karten fallen zurück in Fach 1. Spielen Sie es durch:
Karte aus Fach 1
hola
Das Schöne daran: Man braucht keine Software. Der Nachteil: Alle Karten eines Fachs werden gleich behandelt, egal ob sie knapp oder mühelos gewusst wurden.
Algorithmen: Von SM-2 bis FSRS
Piotr Woźniak entwickelte für seine Software SuperMemo 1987 den Algorithmus SM-2. Er passt die Abstände für jede einzelne Karte an: Neben dem Abstand speichert er einen „Leichtigkeitsfaktor“. Wer eine Karte mehrmals leicht beantwortet, sieht sie immer seltener. Wer sie vergisst, beginnt von vorn.
Varianten von SM-2 stecken bis heute in vielen Lern-Apps. Anki bietet seit Version 23.10 zusätzlich FSRS an, ein Verfahren, das aus den eigenen Wiederholungsdaten lernt. Im Rechner unten sehen Sie, wie schnell die Abstände mit einer vereinfachten SM-2-Variante wachsen:
- Gut1 Tag
- Gut6 Tage
Leichtigkeit jetzt: 2.50 – je höher, desto schneller wachsen die Abstände.
Nach wenigen guten Antworten liegen Wochen zwischen den Wiederholungen. Genau darin liegt der Nutzen: Man verbringt die Zeit mit dem, was man noch nicht sicher kann.
Aus der Praxis: Unsere Lern-Apps mit Spaced Repetition
Wir haben Spaced Repetition in mehreren eigenen Produkten umgesetzt:
- Habloo – eine App zum Spanischlernen. Der Vokabeltrainer ordnet jedes Wort einer von sieben Stufen zu: von „sofort wiederholen“ über 1, 3, 7, 14 und 30 Tage bis 90 Tage. Wer ein Wort vergisst, rutscht zurück.
- Davaigo – dieselbe Lern-Engine für Russisch, inklusive Vokabeltrainer.
- Andiamoo – die Italienisch-Variante, ebenfalls mit Vokabeltrainer.
- Klarwerk Akademie – nach jeder abgeschlossenen Lektion landen die Kernideen als Karteikarten im Trainer und werden nach einer SM-2-Variante wiederholt.
Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Projekten: Der Algorithmus ist schnell gebaut. Entscheidend sind gute Karten (eine Idee pro Karte, klare Frage) und eine Oberfläche, die täglich nur wenige Minuten verlangt.
Spaced Repetition für Unternehmen
Das Prinzip ist nicht auf Vokabeln beschränkt. Überall, wo Wissen langfristig sitzen muss, lohnt es sich:
- Pflichtschulungen wie Datenschutz, Arbeitsschutz oder KI-Kompetenz nach dem EU AI Act
- Produktwissen für Vertrieb und Service
- Einarbeitung neuer Mitarbeitender
Statt einer jährlichen Schulung, die nach drei Wochen vergessen ist, erhalten Mitarbeitende kurze Wiederholungen im passenden Abstand.
Häufige Fragen
Was ist Spaced Repetition?
Spaced Repetition ist eine Lernmethode, bei der Inhalte in wachsenden Abständen wiederholt werden. Jede erfolgreiche Wiederholung verlängert den Abstand bis zur nächsten.
Wie oft sollte man wiederholen?
Typisch sind kurze Abstände am Anfang, etwa ein Tag, dann einige Tage, dann Wochen. Gute Apps passen die Abstände je Karte an, je nachdem, wie sicher man die Antwort wusste.
Was ist der Unterschied zwischen Leitner-System und SM-2?
Das Leitner-System arbeitet mit festen Fächern für alle Karten. SM-2 berechnet für jede Karte einen eigenen Abstand und einen Leichtigkeitsfaktor.
Eignet sich Spaced Repetition auch für Firmenschulungen?
Ja. Besonders bei Pflichtschulungen und Produktwissen hilft es, Wissen langfristig zu halten, statt es einmal im Jahr zu schulen und schnell wieder zu vergessen.
Quellen
- Ebbinghaus, H. (1885): Über das Gedächtnis. Leipzig: Duncker & Humblot.
- Murre, J. M. J. & Dros, J. (2015): Replication and Analysis of Ebbinghaus’ Forgetting Curve. PLOS ONE 10(7).
- Cepeda, N. J. et al. (2006): Distributed practice in verbal recall tasks. Psychological Bulletin 132(3).
- Cepeda, N. J. et al. (2008): Spacing effects in learning. Psychological Science 19(11).
- Karpicke, S. C. & Roediger, R. (2008): The critical importance of retrieval for learning. Science 319(5865).
- Leitner, S. (1972): So lernt man lernen. Freiburg: Herder.
- Woźniak, P. (1990): Optimization of learning (SuperMemo, Algorithmus SM-2).



