Prozessautomatisierung · Modul 1: Grundlagen der Automatisierung

Lektion 2 von 4Übung 15 Min.

Abläufe erfassen und Zeitfresser finden

Lernziele
  • einen Ablauf vollständig und ehrlich aufnehmen
  • Schritte nach ihrem Wert einordnen
  • Liege- und Wartezeiten als größten Posten erkennen
  • Zeitfresser mit Zahlen belegen statt zu schätzen

Bevor irgendetwas automatisiert wird, muss klar sein, was eigentlich passiert. Das klingt banal, ist aber der Schritt, an dem die meisten Projekte scheitern – nicht an der Technik. In fast jedem Betrieb gibt es zwei Versionen eines Ablaufs: die, die man beschreibt, wenn jemand fragt, und die, die tatsächlich stattfindet. Diese Lektion zeigt, wie Sie die zweite sichtbar machen, ohne wochenlange Analyse: mit einem Blatt Papier, einer Woche Mitschreiben und vier Farben.

1. Den Ablauf aufnehmen

Nehmen Sie einen einzigen Vorgang und schreiben Sie auf, was von Anfang bis Ende passiert – jeder Schritt eine Zeile, in der Reihenfolge, in der es wirklich geschieht. Wichtig sind drei Angaben je Schritt: Wer macht es, wie lange dauert es, und was muss vorher da sein. Fragen Sie dabei die Person, die den Schritt täglich macht, nicht die, die den Ablauf einmal festgelegt hat. Die Unterschiede zwischen beiden Beschreibungen sind der interessanteste Teil.

Klick-GrafikEine Prozessaufnahme in vier Schritten
Vorgang wählenSchritte notierenZeiten messenEinfärben
Schritt 1/4 · Einen Vorgang wählen: Etwas, das häufig vorkommt und einen klaren Anfang und ein klares Ende hat: „von der Anfrage bis zum bestätigten Termin“. Nicht „unsere Auftragsabwicklung“ – das ist zu groß.

2. Die vier Arten von Schritten

LaborEinen Ablauf aufnehmen und einfärben
1Anfrage geht ein4 h
2Mail lesen und einschätzen3 min
3Daten ins Auftragssystem tippen6 min
4Rückfrage wegen fehlender Angabe8 min
5Auf Antwort warten24 h
6Termin im Kalender eintragen3 min
7Bestätigung schreiben4 min
8Beratung und Angebot20 min
Notwendig, aber ohne Wert: Muss sein, bringt aber keinen Nutzen: Daten erfassen, dokumentieren, bestätigen, abrechnen. Genau hier liegt das Automatisierungspotenzial. In diesem Beispiel: 13 Minuten je Anfrage.

Zwei Erkenntnisse ergeben sich fast immer. Erstens: Die reine Bearbeitungszeit ist kurz, die Liegezeit lang. Ein Vorgang, der insgesamt zwei Tage dauert, enthält oft nur 45 Minuten echte Arbeit. Zweitens: Der wertschöpfende Anteil ist kleiner, als alle vermuten – und genau dieser Anteil soll wachsen. Automatisierung zielt nicht darauf, schneller zu beraten, sondern darauf, mehr Zeit für Beratung zu haben.

3. Was sich zu messen lohnt

ÜbungLohnt sich die Aufnahme dieses Ablaufs?
  1. „Das macht bei uns jeder ein bisschen anders“

  2. Ein Vorgang, der zweimal im Jahr vorkommt

  3. „Das dauert doch nur zwei Minuten“ – 20-mal am Tag

  4. Ein Ablauf, der ohnehin in drei Monaten durch neue Software ersetzt wird

0 von 4 eingeschätzt
Häufigkeit mal Dauer ergibt die Zahl, auf die es ankommt. Ein Handgriff von zwei Minuten, zwanzigmal am Tag, kostet mehr als ein Vorgang von zwei Stunden, der einmal im Monat vorkommt.

4. Typische Zeitfresser

ErkundenWo die Zeit üblicherweise verschwindet
MedienbrücheSuchenRückfragenLiegezeitenErinnern und NachfassenDoppelte Erfassung
Medienbrüche: Daten wechseln das Format: aus der Mail in die Tabelle, aus der Tabelle ins Auftragssystem, von dort ins Rechnungsprogramm. Jeder Wechsel kostet Zeit und erzeugt Fehler. (1/6 erkundet)

Vier Ebenen der Prozessaufnahme

In der Praxis haben sich vier Detailstufen bewährt, und es lohnt, bewusst zu wählen. Die erste ist die Liste: Schritte untereinander, mehr nicht – genügt für kurze Abläufe innerhalb einer Abteilung und ist in einer halben Stunde fertig. Die zweite ist die Liste mit Zeiten und Zuständigkeiten, wie in dieser Lektion gezeigt; das ist die richtige Stufe für fast alle Automatisierungsvorhaben im Mittelstand. Die dritte ist die Darstellung mit Schwimmbahnen, bei der jede beteiligte Rolle eine eigene Spur bekommt – sinnvoll, sobald ein Vorgang durch mehrere Hände geht und Übergaben das eigentliche Problem sind. Die vierte ist eine formale Notation wie BPMN mit eigenen Symbolen für Ereignisse, Entscheidungen und Schleifen; sie zahlt sich erst aus, wenn ein Ablauf über Abteilungsgrenzen hinweg abgestimmt und dauerhaft gepflegt werden muss.

Der häufigste Fehler ist, zu hoch einzusteigen. Wer für einen Ablauf mit sechs Schritten ein Notationswerkzeug lernt, verliert Wochen und verliert das Team. Umgekehrt scheitern große Vorhaben daran, dass Übergaben zwischen Abteilungen nie sichtbar gemacht wurden – und genau dort liegen die Liegezeiten. Eine einfache Regel: Solange eine Person den ganzen Ablauf überblickt, genügt die Liste mit Zeiten. Sobald drei oder mehr Rollen beteiligt sind, lohnen Schwimmbahnen.

5. Ein Beispiel

Eine Zahnarztpraxis nahm den Vorgang „neuer Patient meldet sich“ auf. Auf dem Papier waren es fünf Schritte, in Wirklichkeit vierzehn. Die Aufnahme zeigte: Die eigentliche Arbeit am Telefon dauerte vier Minuten, der Vorgang insgesamt aber drei Tage – wegen Rückrufen, fehlenden Versichertendaten und einem Anamnesebogen, der per Post ging. Der größte Posten war nicht die Arbeitszeit, sondern das Warten. Nach der Umstellung auf ein Online-Formular mit Terminvorschlägen und digitalem Bogen blieb dieselbe Arbeitszeit, aber der Vorgang war in vier Stunden abgeschlossen – und die Praxis verlor deutlich weniger Interessenten an Mitbewerber, die schneller antworteten.

6. Häufige Fragen

Muss ich dafür ein Werkzeug für Prozessmodellierung lernen? Nein. Für den Einstieg genügen Papier oder eine Tabelle. Formale Notationen lohnen sich erst bei komplexen Abläufen über mehrere Abteilungen.

Wie reagiere ich, wenn Mitarbeitende misstrauisch werden? Offen erklären, worum es geht: Es wird der Ablauf gemessen, nicht die Person. Wer die Aufnahme heimlich macht, bekommt falsche Daten und verliert Vertrauen – und braucht bei Leistungs- und Verhaltenskontrolle ohnehin die Mitbestimmung.

Wie genau müssen die Zeiten sein? Grob genügt. Der Unterschied zwischen drei und vier Minuten ändert keine Entscheidung; der zwischen vier Minuten und vier Stunden schon.

7. Übung zum Selbermachen

Nehmen Sie den Vorgang „von der Anfrage bis zur Antwort“ in Ihrem Betrieb auf. Notieren Sie jeden Schritt mit Person, Dauer und Voraussetzung, und färben Sie anschließend jeden Schritt in einer der vier Arten ein. Rechnen Sie zusammen, wie viel Zeit auf notwendige, aber wertlose Schritte entfällt, und wie lang die gesamte Durchlaufzeit ist. Diese beiden Zahlen brauchen Sie in der nächsten Lektion.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]REFA (2025): Prozessaufnahme und Zeitwirtschaft – Grundlagen.
  2. [2]Mittelstand-Digital Zentren (2026): Prozesse erfassen und bewerten – Arbeitshilfen.
  3. [3]Womack, J. / Jones, D. (2003): Lean Thinking – Wertstromanalyse.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Welche Schrittart wird vor allem automatisiert?