System Design · Modul 9: Fallstudien

Lektion 4 von 7Übung 18 Min.

Fallstudie: KI-Lernplattform

Lernziele
  • eine Plattform mit klassischen und KI-Bestandteilen gemeinsam entwerfen
  • einen KI-Tutor mit RAG, Leitplanken und Evals sicher einbinden
  • Kosten pro Person planen und durch Routing und Caching steuern
  • Datenschutz und Didaktik als Entwurfsanforderungen ernst nehmen

Diese Fallstudie verbindet die klassischen Themen des Kurses mit den KI-Modulen. Entworfen wird eine Lernplattform, wie sie eine Sprachschule, ein Weiterbildungsanbieter oder eine Schule betreiben könnte: Kurse mit Videos und Texten, Übungen mit automatischer Korrektur, Lernfortschritt über alle Geräte, Karteikarten mit Wiederholungsplan – und ein KI-Tutor, der Fragen zum Stoff beantwortet und bei Übungen Hinweise gibt. Die Aufgabe zeigt, dass KI in den meisten Anwendungen kein eigenes System ist, sondern ein Baustein in einer ansonsten ganz normalen Architektur, der besondere Sorgfalt bei Qualität, Kosten und Datenschutz verlangt.

1. Anforderungen2. Überschlag3. API & Daten4. Architektur5. Vertiefung6. Abwägungen

1. Anforderungen

Funktional: Kurse mit Lektionen, Videos und Übungen; Fortschritt und Karteikarten auf allen Geräten; ein Tutor, der Fragen zum aktuellen Kurs beantwortet und bei Übungen gestufte Hinweise gibt; Lehrende sehen den Fortschritt ihrer Gruppen. Nicht funktional: Die Plattform soll sich schnell anfühlen, auch auf dem Handy. Der Tutor muss inhaltlich verlässlich sein und darf nichts erfinden. Die Kosten pro Person müssen zum Preis des Angebots passen. Da auch Minderjährige lernen, gelten strenge Datenschutzanforderungen; Daten bleiben in der EU. Bewusst ausgeklammert: Live-Unterricht per Video.

2. Überschlag

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RechnerWas kostet der KI-Tutor im Monat?

15.624 €

pro Monat

78,1 ct

pro Person

4.800.000

Fragen im Monat

7,4/s

Spitze (≈ 4× Schnitt)

Vereinfachte Durchschnittskosten je Frage, gerundet – keine Angebote einzelner Anbieter.

4.800.000 Fragen im Monat kosten rund 15.624 € – etwa 78,1 Cent pro Person. Routing und Caching halten die Kosten pro Person niedrig.

Der Rechner zeigt die wichtigste Größe dieser Plattform: die KI-Kosten pro Person. Server, Datenbank und Videoauslieferung kosten vergleichsweise wenig und wachsen gleichmäßig. Die Kosten des Tutors wachsen dagegen direkt mit seiner Beliebtheit. Ein Routing, das einfache Fragen an ein kleines Modell schickt, und das Zwischenspeichern von Kursmaterial und Anweisungen machen oft den Unterschied zwischen einem tragfähigen und einem defizitären Angebot.

3. API und Datenmodell

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Das Datenmodell trennt zwei Welten. Die Kursinhalte – Kurse, Lektionen, Übungen, Karteikarten – ändern sich selten und werden stark gecacht, Videos liegen im Objektspeicher und werden über ein CDN in passenden Qualitätsstufen ausgeliefert. Der Lernstand – erledigte Lektionen, Übungsversuche, Karten mit Wiederholungsdatum – ändert sich ständig und liegt in Postgres, pro Person und Mandant getrennt. Für die Offline-Nutzung auf dem Handy wird der Lernstand lokal gehalten und synchronisiert. Der Tutor erhält eine eigene Schnittstelle, die Antworten streamt: POST /tutor/fragen mit Kurs, Lektion und Frage – aber ohne Namen oder andere Personendaten.

4. Architektur

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Abb. 4.1Architektur einer KI-Lernplattform
Abb. 4.1: Architektur einer KI-Lernplattform. Architektur einer KI-Lernplattform: Web-App und Mobile-App sprechen mit einer API. Die API nutzt Postgres für Nutzer, Fortschritt und Kurse, einen Objektspeicher und ein CDN für Videos, eine Tutor-Orchestrierung mit Wissensbasis, Modell-Gateway und Evals sowie Worker für Korrekturen und Benachrichtigungen. Ereignisse fließen in ein Analysesystem.
Abb. 4.1Die KI ist ein Baustein unter vielen: Fortschritt in Postgres, Videos über CDN, Hintergrundarbeit in Workern – und ein Tutor mit Wissensbasis, Modell-Gateway und Evals.
Klick-GrafikDer Tutor beantwortet eine Frage
LernendeLeitplankeRouterSuche im KursModellPrüfungAntwort
Schritt 1/6 · Frage: „Warum steht hier ‚habe gegessen‘ und nicht ‚aß‘?“ – gestellt in Lektion 12 eines Deutschkurses.

5. Vertiefung

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Qualität: Eine Testsammlung aus mehreren Hundert echten, anonymisierten Fragen je Kurs wird vor jeder Änderung an Prompts, Modellen oder Kursmaterial automatisch bewertet. Didaktik: Bei Übungen gibt der Tutor Hinweise in Stufen – erst einen Denkanstoß, dann einen konkreteren Hinweis, erst auf ausdrücklichen Wunsch die Lösung. Das ist keine Frage des Modells, sondern der Orchestrierung. Kosten: Tageskontingente pro Person, Routing, Prompt-Caching und ein Antwort-Cache für häufige Fragen. Datenschutz: Keine Personendaten an das Modell, ein Anbieter mit Verarbeitung in der EU und Auftragsverarbeitungsvertrag, kurze Aufbewahrung der Tutor-Protokolle. Beurteilen Sie einzelne Entscheidungen:

ÜbungGute oder schlechte Entscheidung?
  1. Der Tutor bekommt bei jeder Frage das komplette Kursmaterial als Kontext

  2. Der Tutor antwortet nur auf Basis des Kursmaterials und nennt die Lektion als Quelle

  3. Bei Übungen gibt der Tutor sofort die vollständige Lösung

  4. Antworten des Tutors werden mit einer Testsammlung typischer Schülerfragen geprüft, bevor eine neue Version live geht

  5. Namen und Klassen der Lernenden werden mit jeder Frage an das Sprachmodell geschickt

0 von 5 eingeschätzt
Ein KI-Tutor ist so gut wie seine Orchestrierung: Kursmaterial als Quelle, gestufte Hinweise statt fertiger Lösungen, Routing für bezahlbare Kosten, keine Personendaten im Prompt und Evals vor jeder Änderung.

6. Abwägungen

1. Anforderungen2. Überschlag3. API & Daten4. Architektur5. Vertiefung6. Abwägungen
Tab. 4.1Entscheidungen und ihr Preis
EntscheidungGewinnPreis
RAG auf Kursmaterialverlässliche, überprüfbare AntwortenEinlese-Pipeline muss gepflegt werden
Routing nach Schwierigkeitdeutlich geringere Kostenzusätzlicher Modellaufruf, Fehleinschätzungen möglich
Tageskontingent pro Personplanbare Kosten, Schutz vor MissbrauchVielnutzer stoßen an Grenzen
Lernstand lokal + Synchronisationschnell und offline nutzbarKonfliktbehandlung nötig

Bemerkenswert an dieser Architektur ist, wie wenig davon wirklich neu ist. Fortschritt, Videos, Warteschlangen, Caching, Mandantentrennung und Synchronisation sind klassische Bausteine, die in den vorigen Modulen behandelt wurden. Neu sind der Tutor und die Disziplin, die er verlangt: Qualität messen, Kosten steuern, Daten schützen. Wer die klassischen Grundlagen beherrscht, kann KI-Funktionen deshalb sicher und wirtschaftlich integrieren – und genau diese Verbindung macht moderne Systeme aus.

7. Varianten der Aufgabe

Die Lernplattform lässt sich in viele Richtungen weiterdenken. Soll der Tutor auch gesprochene Sprache verstehen, etwa zum Üben der Aussprache in einem Sprachkurs, kommen Spracherkennung, Audiodateien und deutlich höhere Kosten hinzu; Aufnahmen werden dann asynchron verarbeitet und nur kurz gespeichert. Sollen Lehrende eigene Materialien hochladen, braucht die Einlese-Pipeline eine Freigabe, damit keine fehlerhaften oder urheberrechtlich geschützten Inhalte in die Wissensbasis gelangen. Und soll die Plattform an Schulen verkauft werden, verlangen diese häufig eine Anmeldung über ihr eigenes Konto-System, Auftragsverarbeitungsverträge und die Möglichkeit, alle Daten einer Klasse am Schuljahresende zu löschen.

Auch die europäische KI-Verordnung spielt hier hinein. KI-Systeme, die über den Zugang zu Bildung entscheiden oder Lernergebnisse bewerten, gelten als Hochrisiko-Anwendungen mit besonderen Pflichten. Ein Tutor, der Fragen beantwortet, fällt in der Regel nicht darunter – eine automatische Benotung von Prüfungen dagegen schon. Diese Grenze sollte im Entwurf bewusst gezogen und dokumentiert werden.

8. So präsentieren Sie den Entwurf

Bei dieser Aufgabe lohnt es sich, klassische und KI-Teile klar zu trennen. Beginnen Sie mit der Plattform ohne KI – Inhalte, Fortschritt, Videos, Synchronisation – und zeigen Sie, dass diese Teile solide und günstig laufen. Führen Sie dann den Tutor als eigenen Baustein ein und erklären Sie seinen Weg Schritt für Schritt: Leitplanke, Routing, Suche, Modell, Prüfung. Nennen Sie die Kosten pro Person und die Hebel, mit denen sie gesteuert werden, und beschreiben Sie, wie Qualität gemessen wird. Wer so vorgeht, zeigt, dass KI kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug, das in eine tragfähige Architektur eingebettet wird.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Huyen, C. (2025): AI Engineering. Sebastopol: O'Reilly.
  2. [2]Kasneci, E. et al. (2023): ChatGPT for Good? On Opportunities and Challenges of Large Language Models for Education. Learning and Individual Differences 103.
  3. [3]Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Anhang III Nr. 3 (allgemeine und berufliche Bildung).
  4. [4]Anthropic (2026): Prompt Caching; Streaming Messages. docs.anthropic.com.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Zahlen zu Latenzen und Kosten sind Größenordnungen zur Orientierung, keine Messwerte.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Womit lassen sich die Tutor-Kosten am stärksten senken?