Design-Grundlagen · Modul 6: Design in der Praxis

Lektion 1 von 5Übung 13 Min.

Design beurteilen

Lernziele
  • Gestaltung nach nachvollziehbaren Kriterien statt nach Geschmack beurteilen
  • ein Bewertungsraster für Entwürfe anwenden
  • Entwürfe im richtigen Kontext und mit echten Inhalten prüfen
  • Nutzertests als Ergänzung zur eigenen Einschätzung einsetzen

„Gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ sind die häufigsten Urteile über Gestaltung – und die am wenigsten hilfreichen. Sie sagen etwas über den persönlichen Geschmack der urteilenden Person, aber wenig darüber, ob ein Entwurf seine Aufgabe erfüllt. In vielen Unternehmen entscheidet am Ende, wem ein Entwurf am besten gefällt, und das ist oft die ranghöchste Person im Raum. Das Ergebnis sind Websites, die dem Geschäftsführer gefallen, aber Kunden nicht überzeugen.

Die gute Nachricht: Gestaltung lässt sich weitgehend nachvollziehbar beurteilen. Die vorigen Module dieses Kurses haben die Kriterien geliefert – Wahrnehmung, Hierarchie, Typografie, Farbe, Layout, Marke. Diese Lektion fasst sie zu einem Werkzeug zusammen, mit dem auch Menschen ohne Designausbildung einen Entwurf fundiert bewerten können.

1. Die Frage vor allen Fragen

Bevor ein Entwurf beurteilt wird, muss klar sein, was er leisten soll. Eine Startseite, die Besucher zu einer Anfrage führen soll, wird anders beurteilt als eine Kampagnenseite, die Aufmerksamkeit erzeugen soll, oder eine Karriereseite, die Bewerbungen bringen soll. Die wichtigste Frage lautet deshalb: Wer soll hier was erreichen? Ohne diese Frage bleibt jede Beurteilung Geschmackssache. Mit ihr wird sie zur Prüfung, ob ein Entwurf ein Ziel erfüllt.

Definition 1.1
Designkritik
Eine strukturierte Beurteilung eines Entwurfs im Hinblick auf seine Ziele. Sie unterscheidet sich von bloßer Meinungsäußerung dadurch, dass sie Kriterien benennt, Beobachtungen beschreibt und Wirkungen begründet – nicht, ob etwas gefällt, sondern ob es funktioniert.
ErkundenSechs Fragen an jeden Entwurf
Ziel erkennbar?: Sieht man in drei Sekunden, worum es geht und was man tun soll? Wenn nicht, hilft keine Verschönerung.

2. Sechs Kriterien

Für die meisten Websites und digitalen Anwendungen genügen sechs Kriterien, die sich aus den vorigen Modulen ableiten. Bewerten Sie einen Entwurf, den Sie gerade vor sich haben – etwa Ihre eigene Startseite:

WerkzeugBewertungsraster für einen Entwurf
KlarheitHierarchieOrdnungLesbarkeitMarkeZugänglichkeit

18 / 30 Punkte

Solide Basis, kein Kriterium fällt deutlich ab.

Das Raster liefert keine objektive Wahrheit, aber es verändert das Gespräch. Statt „gefällt mir nicht“ heißt es nun „die Hierarchie ist unklar, weil drei Elemente gleich stark sind“ oder „die Lesbarkeit leidet, weil die Zeilen zu lang sind“. Solche Aussagen lassen sich prüfen, diskutieren und beheben. Besonders wertvoll ist das Netzdiagramm, wenn mehrere Personen unabhängig voneinander bewerten und die Ergebnisse anschließend verglichen werden. Große Abweichungen zeigen, wo gesprochen werden muss.

3. Im richtigen Kontext prüfen

Viele Fehlurteile entstehen, weil Entwürfe unter falschen Bedingungen betrachtet werden. Ein Entwurf auf dem großen Monitor im Besprechungsraum wirkt anders als auf dem Smartphone in der Straßenbahn. Ein Entwurf mit Blindtext und perfekt ausgesuchten Stockfotos wirkt anders als mit echten Inhalten, die manchmal zu lang, zu kurz oder weniger fotogen sind. Deshalb gelten einige Regeln für die Beurteilung.

Tab. 1.1Entwürfe unter realistischen Bedingungen prüfen
RegelWarum
Mit echten Texten und BildernBlindtext verdeckt Probleme mit Länge, Ton und Struktur
Auf dem Handy zuerstdort sieht der größte Teil der Besucher die Seite
In Originalgröße, nicht verkleinertSchriftgrößen und Abstände wirken nur im Maßstab 1:1
Als KlickprototypAbläufe lassen sich auf Standbildern nicht beurteilen
Mit Abstand, nicht sofortder erste Eindruck ist wichtig, aber nicht alles
Im Vergleich zum Wettbewerbzeigt, ob sich der Auftritt abhebt oder einreiht
Ein Entwurf wird nicht besser, weil er in der Präsentation schön aussieht. Er ist gut, wenn er mit echten Inhalten auf echten Geräten seine Aufgabe erfüllt.

4. Nutzer beobachten

Die eigene Einschätzung hat Grenzen. Wer ein Unternehmen gut kennt, versteht jede Formulierung und findet jeden Menüpunkt – Besucher nicht. Deshalb gehört zu jeder wichtigen Gestaltungsentscheidung ein Blick auf echte Nutzer. Das muss nicht aufwendig sein. Jakob Nielsen hat bereits in den 1990er-Jahren gezeigt, dass fünf Testpersonen genügen, um die meisten gravierenden Probleme einer Oberfläche zu finden. Man gibt ihnen eine realistische Aufgabe, etwa „Finden Sie heraus, ob diese Praxis samstags geöffnet hat, und buchen Sie einen Termin“, und beobachtet schweigend, wo sie zögern, suchen oder aufgeben.

Ergänzend liefern Daten aus der Webanalyse Hinweise: Wo verlassen Besucher die Seite? Welche Knöpfe werden geklickt, welche nicht? Wie weit wird gescrollt? Solche Daten zeigen, wo es Probleme gibt, aber selten, warum. Die Kombination aus Beobachtung und Daten ist deshalb am aussagekräftigsten.

5. Typische Fallen

Einige Denkfehler begegnen bei der Beurteilung von Gestaltung immer wieder. Die erste Falle ist der Geschmack der Entscheider: Die eigene Vorliebe für eine Farbe oder einen Stil wird mit der Wirkung auf die Zielgruppe verwechselt. Die zweite ist die Gewöhnung: Wer einen Entwurf zehnmal gesehen hat, empfindet ihn als langweilig und wünscht sich Änderungen, obwohl Besucher ihn nur einmal sehen. Die dritte ist das Vollstopfen: Jede Abteilung möchte ihr Thema prominent platziert haben, bis keine Hierarchie mehr übrig ist. Die vierte ist der Vergleich mit Großkonzernen: Die Website eines Weltkonzerns mit Millionenbudget ist kein sinnvoller Maßstab für ein mittelständisches Unternehmen mit anderen Zielen und Zielgruppen.

Gegen alle vier Fallen hilft dieselbe Haltung: Die Zielgruppe steht im Mittelpunkt, nicht die eigene Vorliebe. Hilfreich ist, zu Beginn eines Projekts gemeinsam festzulegen, wer am Ende entscheidet und nach welchen Kriterien. Das verhindert, dass sich Abstimmungen endlos hinziehen, und schützt gute Entwürfe davor, in vielen kleinen Kompromissen zerrieben zu werden.

6. Beurteilung als Routine

Designbeurteilung ist nicht nur beim Relaunch gefragt. Jede neue Landingpage, jede Anzeige, jede Präsentation profitiert von einem kurzen, strukturierten Blick. In der Praxis bewährt sich eine einfache Routine: Das Bewertungsraster wird vor der Freigabe von zwei Personen unabhängig ausgefüllt, die Abweichungen werden kurz besprochen, und schwache Kriterien werden vor der Veröffentlichung verbessert. Das dauert eine Viertelstunde und hebt die Qualität aller Veröffentlichungen spürbar. Wer das Raster ein paar Monate lang nutzt, verinnerlicht die Kriterien und braucht es irgendwann kaum noch – der Blick für gute Gestaltung ist dann geschult.

Wichtig ist dabei die Haltung gegenüber den Gestaltern. Eine strukturierte Beurteilung ist kein Urteil über eine Person, sondern ein gemeinsamer Blick auf ein Ergebnis. Wer so arbeitet, bekommt bessere Entwürfe, weil Gestalter wissen, woran sie gemessen werden. Wie man Beobachtungen so formuliert, dass sie weiterhelfen, zeigt die übernächste Lektion zum Thema Feedback. Vorher geht es um den Anfang jedes Projekts: das Briefing.

Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie viel Zeit ein Raster spart. Bei der Abnahme eines neuen Internetauftritts diskutierten Geschäftsführung, Vertrieb und Marketing zwei Stunden lang über den Entwurf, ohne zu einer Entscheidung zu kommen. Jeder hatte andere Vorlieben. In der nächsten Runde füllten alle vorab das Bewertungsraster aus. Es zeigte sich, dass alle drei die Klarheit und Lesbarkeit hoch bewerteten, aber die Hierarchie schwach fanden, weil der Kopfbereich mit Auszeichnungen überladen war. Die Diskussion dauerte zwanzig Minuten, die Lösung war eindeutig, und der Entwurf wurde nach einer einzigen Überarbeitung freigegeben.

Das Raster lässt sich übrigens auch auf bestehende Seiten anwenden. Wer seine eigene Website regelmäßig mit denselben sechs Kriterien bewertet, erkennt Verschlechterungen früh – etwa wenn neue Inhalte die Hierarchie verwässern oder neue Elemente die Ordnung stören. So bleibt die Qualität dauerhaft erhalten, nicht nur am Tag des Relaunchs, sondern über viele Jahre hinweg.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Nielsen, J. (2000): Why You Only Need to Test with 5 Users. Nielsen Norman Group.
  2. [2]Connor, A.; Irizarry, A. (2015): Discussing Design. Sebastopol: O'Reilly.
  3. [3]Krug, S. (2014): Don't Make Me Think, Revisited. 3. Aufl. San Francisco: New Riders.
  4. [4]Lindgaard, G. et al. (2006): Attention Web Designers: You Have 50 Milliseconds to Make a Good First Impression! Behaviour & Information Technology 25(2), 115–126.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Welche Frage sollte vor jeder Beurteilung eines Entwurfs geklärt sein?