UX-Konzeption · Modul 6: Vom Wireframe zur Oberfläche

Lektion 6 von 6Text 13 Min.

Übergabe an die Entwicklung

Lernziele
  • eine vollständige Übergabe zusammenstellen
  • Seitenmuster statt Einzelseiten übergeben
  • das Verhalten auf schmalen Bildschirmen festlegen
  • Rückfragen während der Umsetzung vermeiden

Am Ende der Entwurfsarbeit steht die Übergabe. Sie entscheidet darüber, ob das Umgesetzte dem Gedachten entspricht – und sie ist die Stelle, an der die meiste Zeit verloren geht, wenn sie schlecht vorbereitet ist. Diese Lektion zeigt, was dazugehört.

1. Muster statt Seiten

Der wichtigste Gedanke zuerst: Übergeben werden Seitenmuster, nicht jede einzelne Seite. Eine Website mit vierzig Seiten hat meist fünf bis sieben Muster – Startseite, Leistungsseite, Referenzübersicht, Referenzdetail, Beitrag, Kontakt, Rechtstext. Ist jedes Muster einmal sauber entworfen, entstehen die übrigen Seiten daraus ohne weitere Vorgaben.

Der Vorteil ist doppelt: Der Aufwand sinkt erheblich, und die Website bleibt einheitlich, weil niemand für Seite 23 eine Sonderlösung erfindet.

2. Die Übergabe in vier Fragen

ChecklisteDie Übergabe in vier Fragen
  • Entwürfe aller Seitenmuster, nicht aller Seiten
  • Token-Verzeichnis mit Namen und Werten
  • Komponentenübersicht mit allen Zuständen
  • Verhalten auf schmalen Bildschirmen je Muster
  • Texte für alle Zustände: leer, Fehler, Erfolg
Eine gute Übergabe erkennt man daran, dass während der Umsetzung kaum Rückfragen zum Entwurf kommen – sondern nur zu Dingen, die niemand vorhersehen konnte.

Der vierte Punkt ist der wichtigste und wird am wenigsten beachtet. Entwürfe ohne echte Texte erzeugen in der Umsetzung Platzhalter, die später jemand ersetzen muss – und das passiert erfahrungsgemäß in der Woche vor dem Livegang, unter Zeitdruck und ohne Abstimmung.

3. Schmale Bildschirme mit festlegen

Über die Hälfte der Besucher kommt mit dem Handy. Trotzdem wird in vielen Projekten nur die breite Fassung entworfen und die schmale der Umsetzung überlassen. Legen Sie für jedes Muster drei Dinge fest: In welcher Reihenfolge stehen die Blöcke untereinander, was wird ausgeblendet oder zusammengeklappt, und wo steht die Haupthandlung.

Tab. 6.1Was je Muster für schmale Bildschirme festgelegt wird
FrageTypische Antwort
Reihenfolge der BlöckeÜberschrift, Handlung, Beleg, Details – nicht die Spaltenreihenfolge von links nach rechts
NavigationZusammengeklappt, mit sichtbarem Zugang zur Haupthandlung
TabellenUmbrechen oder waagerecht scrollbar, nie verkleinert bis zur Unlesbarkeit
BilderZugeschnitten statt verkleinert, damit das Motiv erkennbar bleibt
HaupthandlungSichtbar ohne Scrollen oder als fest stehender Streifen am unteren Rand

4. Der gemeinsame Durchgang

Schicken Sie Entwürfe nicht per Datei und hoffen Sie nicht auf Selbsterklärung. Eine Stunde gemeinsam durchgehen spart in der Praxis mehrere Tage. Gehen Sie dabei nicht Seite für Seite vor, sondern Muster für Muster, und sprechen Sie bei jedem über drei Dinge: Was passiert beim Klick, was passiert bei einem Fehler, und wie sieht es auf dem Handy aus.

Laden Sie zu diesem Termin auch die Person ein, die später die Inhalte pflegt. Sie stellt regelmäßig die nützlichste Frage überhaupt: Was passiert, wenn dieser Text doppelt so lang ist?

Die Übergabe ist kein Zeitpunkt, sondern ein Gespräch. Wer sie als Dateiübergabe behandelt, bezahlt die Rückfragen später einzeln.

5. Was danach passiert

Nach der Übergabe ändert sich die Rolle: Aus dem Entwerfen wird Begleiten. Planen Sie zwei kurze Durchsichten ein – eine nach dem ersten umgesetzten Muster, eine vor dem Livegang. Die erste ist die wichtigere, weil sich Abweichungen dort noch auf alle weiteren Muster auswirken lassen.

Prüfen Sie dabei im Browser, nicht im Entwurfswerkzeug. Schriften rendern anders, Abstände wirken anders, und erst dort zeigt sich, wie es sich tatsächlich anfühlt. Kleine Abweichungen sind normal und selten der Rede wert; strukturelle Abweichungen gehören sofort angesprochen.

6. Häufige Fragen

Wie genau müssen Maße angegeben werden? Über Tokens, nicht über Pixel. „abstand-6 zwischen den Abschnitten“ ist eindeutig und bleibt gültig, wenn der Wert später einmal angepasst wird.

Was, wenn die Umsetzung etwas anders löst? Fragen Sie nach dem Grund, bevor Sie auf den Entwurf bestehen. Oft steckt eine technische Einschränkung dahinter, die im Entwurf nicht sichtbar war – und manchmal ist die andere Lösung besser.

Gehört der Entwurf dem Kunden? Das gehört in den Vertrag und sollte vor Projektbeginn geklärt sein. Für den Kunden zählt vor allem, ob er die Dateien später selbst weiterverwenden kann.

7. Übung zum Selbermachen

Nehmen Sie ein fertiges Seitenmuster und schreiben Sie die Übergabe auf eine einzige Seite: verwendete Tokens, enthaltene Komponenten, Verhalten auf schmalen Bildschirmen, Texte für leer, Fehler und Erfolg. Geben Sie das Blatt jemandem, der den Entwurf nicht kennt, und fragen Sie, welche Fragen offen bleiben. Jede genannte Frage wäre sonst während der Umsetzung gekommen – nur dann einzeln und mit Wartezeit.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Nielsen Norman Group (2025): Design Handoff Best Practices.
  2. [2]Kholmatova, A. (2017): Design Systems. Smashing Magazine.
  3. [3]Greever, T. (2020): Articulating Design Decisions. O'Reilly.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was wird übergeben?