UX-Konzeption · Modul 8: Testen und iterieren

Lektion 2 von 6Übung 15 Min.

Usability-Test in fünf Schritten

Lernziele
  • Aufgaben formulieren, die nichts vorgeben
  • einen Test mit fünf Personen durchführen
  • als Moderator schweigen können
  • Beobachtungen zählbar festhalten

Ein Usability-Test ist die billigste Methode, um herauszufinden, ob ein Konzept trägt – und die am häufigsten aufgeschobene. Der Grund ist selten der Aufwand, sondern die Vorstellung, es brauche ein Labor und zwanzig Teilnehmer. Beides stimmt nicht. Diese Lektion zeigt den Ablauf, der in jedem Betrieb funktioniert.

1. Der Ablauf

AblaufEin Usability-Test in fünf Schritten

Drei bis fünf Aufgaben, die aus einer echten Situation kommen und kein Wort aus der Oberfläche enthalten. Wer „Klicken Sie auf Leistungen“ vorgibt, prüft nur, ob jemand lesen kann.

So

„Sie wollen herausfinden, was eine Wartung ungefähr kostet und ob sich das für Ihren Betrieb lohnt.“

Nicht so

„Öffnen Sie die Leistungsseite und suchen Sie die Preisspanne.“

Gesamtaufwand für einen Test mit fünf Personen: etwa zwei Arbeitstage, verteilt über eine Woche. Das ist weniger, als eine einzige falsche Entscheidung kostet.

Der dritte Schritt ist der schwerste. Zuzusehen, wie jemand etwas nicht findet, das offensichtlich dort steht, erzeugt den starken Drang zu helfen. Genau dieser Drang zerstört das Ergebnis: Sobald Sie helfen, testen Sie nicht mehr die Seite, sondern Ihre Erklärung.

Die einzige Frage, die ein Moderator immer stellen darf, lautet: „Was denken Sie gerade?“ Alles andere – erklären, helfen, rechtfertigen – verfälscht den Test.

2. Warum fünf Personen

RechnerWarum fünf Personen genügen
5 PersonenZahl der Testpersonen

84 %

der Probleme gefunden

Jede weitere Person bringt hier noch viel.

Modell nach Nielsen und Landauer: Jede Person findet im Schnitt 31 Prozent der Probleme. Der Wert schwankt je Anwendung, die Form der Kurve ist stabil.

Die Zahl geht auf eine bekannte Untersuchung zurück: Jede zusätzliche Person findet weniger neue Probleme als die vorige, weil sich die Befunde überschneiden. Ab etwa fünf Personen kennt man die groben Muster. Der bessere Einsatz der übrigen Zeit ist ein zweiter Test nach der Überarbeitung – denn dann prüft man, ob die Änderung wirklich geholfen hat.

Wichtig ist die Einschränkung: Fünf genügen für eine Nutzergruppe. Wenn sich zwei Gruppen stark unterscheiden – etwa Privatkunden und Betriebe –, braucht jede ihre fünf.

3. Aufgaben formulieren

Tab. 2.1Aufgaben, die etwas zeigen
RegelBeispiel
Situation statt Anweisung„Ihr Hallendach ist undicht, Sie suchen jemanden“ statt „Finden Sie die Sanierungsseite“
Kein Wort aus der OberflächeNicht „Instandhaltung“ sagen, wenn der Navigationspunkt so heißt
Ein Ziel je AufgabeNicht Preis finden und anfragen und Referenzen prüfen in einer Aufgabe
Ergebnis überprüfbarAm Ende lässt sich sagen, ob die Person es geschafft hat
RealistischAufgaben, die tatsächlich vorkommen – nicht die, die gut aussehen

4. Was notiert wird

Trennen Sie streng zwischen Beobachtung und Deutung. „P3 scrollt dreimal hoch und runter und sagt: Wo steht denn, was das kostet?“ ist eine Beobachtung. „P3 fand die Seite unübersichtlich“ ist eine Deutung – und in der Auswertung wertlos, weil sich daraus keine Maßnahme ableiten lässt.

Nummerieren Sie die Personen und schreiben Sie die Nummer an jede Beobachtung. Nur so lässt sich später zählen, bei wie vielen dasselbe passiert ist – und genau diese Zahl entscheidet über die Reihenfolge der Überarbeitung.

5. Vor Ort oder aus der Ferne

Beides funktioniert. Vor Ort sehen Sie Mimik und Zögern deutlicher, aus der Ferne ist die Terminfindung einfacher und die Person sitzt an ihrem eigenen Gerät – was näher an der Wirklichkeit ist. Bei Tests aus der Ferne lassen Sie den Bildschirm teilen und bitten um Erlaubnis zur Aufzeichnung; ohne Zustimmung wird nicht aufgezeichnet.

6. Häufige Fragen

Was, wenn niemand die Aufgabe schafft? Dann ist der Test besonders erfolgreich: Sie haben ein schwerwiegendes Problem gefunden, bevor es Kunden betrifft. Brechen Sie nach zwei bis drei Minuten vergeblichen Suchens ab und fragen Sie, wo die Person es erwartet hätte.

Muss man Tests aufzeichnen? Nein. Eine zweite Person, die mitschreibt, ist oft praktischer – und nimmt der Situation die Förmlichkeit.

Wie oft testet man? Einmal je größerem Schritt: nach dem Prototyp, vor dem Livegang, und danach ein- bis zweimal im Jahr. Regelmäßigkeit schlägt Gründlichkeit.

7. Übung zum Selbermachen

Schreiben Sie drei Aufgaben nach den Regeln aus Tabelle 2.1 für eine Seite, die Sie betreuen. Bitten Sie eine einzige Person aus Ihrem Umfeld, sie zu lösen, während sie laut mitdenkt. Sagen Sie kein Wort außer „Was denken Sie gerade?“. Notieren Sie nur Beobachtungen, keine Deutungen. Dieser eine Durchgang dauert zwanzig Minuten und verändert erfahrungsgemäß die Sicht auf die eigene Seite dauerhaft.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Nielsen, J. / Landauer, T. (1993): A Mathematical Model of the Finding of Usability Problems. ACM INTERCHI.
  2. [2]Krug, S. (2010): Rocket Surgery Made Easy. New Riders.
  3. [3]Nielsen Norman Group (2025): How to Conduct a Usability Test.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Welche Frage darf ein Moderator immer stellen?