Prozessautomatisierung · Modul 5: Agenten im Unternehmen

Lektion 1 von 7Text 15 Min.

Was ein Agent ist – und was nicht

Lernziele
  • die Agentenschleife in eigenen Worten erklären
  • Agenten von festen Abläufen abgrenzen
  • einschätzen, wann sich ein Agent lohnt
  • typische Fehlerwartungen entkräften

Kaum ein Begriff wird derzeit so unscharf verwendet wie „Agent“. Verkauft wird darunter alles – von einer Chatfunktion bis zur automatischen Buchhaltung. Technisch ist die Sache jedoch klar definiert, und die Definition hat unmittelbare Folgen für Ihre Entscheidungen: Ein Agent unterscheidet sich von allem, was Sie in den bisherigen Modulen gebaut haben, in genau einem Punkt – er kennt seine Schritte nicht im Voraus. Dieses Modul behandelt, was daraus folgt: mehr Möglichkeiten, mehr Nutzen bei offenen Aufgaben und deutlich höhere Anforderungen an Grenzen und Aufsicht.

1. Die Schleife

Definition 1.1
KI-Agent
Ein Programm, das mit einem Sprachmodell ein vorgegebenes Ziel verfolgt und dabei selbstständig Werkzeuge aufruft – lesen, schreiben, prüfen, suchen –, deren Ergebnisse auswertet und daraus den nächsten Schritt ableitet, bis das Ziel erreicht oder eine Grenze erreicht ist.
AblaufDie Schleife eines Agenten
Ziel erhalten: „Finde heraus, welche Eingangsrechnungen diesen Monat noch offen sind, und lege eine Übersicht an.“ Der Agent bekommt ein Ziel, keine Schrittfolge – das ist der entscheidende Unterschied zum festen Ablauf.

Diese Schleife ist der ganze Mechanismus. Alles, was heute an beeindruckenden Agentenfähigkeiten gezeigt wird, entsteht aus ihrer Wiederholung mit guten Werkzeugen. Und alle Risiken entstehen ebenfalls daraus: Weil vorher niemand weiß, welche Werkzeuge in welcher Reihenfolge aufgerufen werden, lässt sich das Verhalten nicht vollständig vorhersagen.

2. Der Unterschied zum Ablauf

Abb. 1.1Fester Ablauf und Agent im Vergleich
Abb. 1.1: Fester Ablauf und Agent im Vergleich. Vergleich: Ein fester Ablauf durchläuft immer dieselben Schritte in derselben Reihenfolge. Ein Agent erhält ein Ziel und entscheidet in einer Schleife selbst, welche Werkzeuge er in welcher Reihenfolge aufruft.
Abb. 1.1 – Beim Ablauf stehen die Schritte vorher fest, beim Agenten entstehen sie unterwegs. Das macht ihn flexibler und zugleich schwerer vorhersehbar.
ÜbungAblauf, Agent oder besser gar nicht?
  1. Jede eingehende Rechnung auslesen und verbuchen

  2. „Bereite den Monatsabschluss vor“ – mit wechselnden Nachfragen je Monat

  3. Terminerinnerungen am Vortag verschicken

  4. Eine Recherche über einen neuen Lieferanten zusammenstellen

  5. Preise im Shop automatisch an die Konkurrenz anpassen

0 von 5 eingeschätzt

Die Faustregel: Wenn Sie den Ablauf aufschreiben können, schreiben Sie ihn auf. Ein fester Ablauf ist günstiger, schneller, vorhersehbar und prüfbar. Ein Agent lohnt dort, wo die nötigen Schritte von Zwischenergebnissen abhängen – und wo ein Mensch das Ergebnis am Ende ohnehin ansieht.

3. Was Agenten im Mittelstand leisten

Die realistischen Einsatzfelder sind weniger spektakulär als die Werbung, aber solide. Recherche und Zusammentragen: Informationen aus mehreren Systemen und Quellen zu einer Übersicht verdichten. Vorbereitung: einen Monatsabschluss, ein Angebot oder eine Ausschreibung so weit vorbereiten, dass ein Mensch nur noch prüft und entscheidet. Fehlersuche: bei einem Problem in mehreren Systemen nachsehen und einen Befund liefern. Allen gemeinsam ist, dass sie Zuarbeit leisten und ein Mensch das Ergebnis bewertet.

Tab. 1.1Was ein Agent kann – und was er nicht kann
KannKann nicht
Informationen aus mehreren Quellen zusammentragenverlässlich rechnen
Auf Zwischenergebnisse reagierengarantieren, dass er alle Fälle findet
Entwürfe und Übersichten erstellenVerantwortung übernehmen
Wiederholte Suchvorgänge abkürzenunbeaufsichtigt Geld bewegen
Fragen in eigenen Worten beantwortenstets denselben Weg gehen
Wenn die Schritte feststehen: fester Ablauf. Wenn sie von Zwischenergebnissen abhängen und ein Mensch das Ergebnis prüft: Agent. Alles mit unmittelbarer Geldwirkung ohne Prüfung: keins von beiden.

4. Drei verbreitete Fehleinschätzungen

Erstens: „Ein Agent ersetzt einen Sachbearbeiter.“ In der Praxis übernimmt er dessen Zuarbeit – Suchen, Zusammenstellen, Vorbereiten –, während Prüfung und Entscheidung bleiben. Zweitens: „Ein Agent lernt mit der Zeit dazu.“ Das tut er nicht von allein. Was er beim letzten Mal getan hat, weiß er nur, wenn es ihm jemand als Wissen zur Verfügung stellt. Drittens: „Mit einem guten Modell braucht es keine Grenzen.“ Das Gegenteil stimmt: Je fähiger ein Agent ist, desto mehr Schaden kann er anrichten, wenn er sich irrt oder manipuliert wird. Deshalb gehört das Thema Leitplanken in dieses Modul und nicht in einen Anhang.

5. Ein Beispiel

Eine Hausverwaltung mit 600 Einheiten setzt einen Agenten für die Vorbereitung von Eigentümerversammlungen ein. Auftrag: „Stelle für Objekt X die Unterlagen für die Versammlung zusammen.“ Der Agent sucht im Dokumentenspeicher nach dem Wirtschaftsplan, prüft die offenen Punkte aus dem letzten Protokoll, holt aus der Verwaltungssoftware die Instandhaltungsvorgänge des Jahres und legt eine Mappe mit Entwurf der Tagesordnung an. Was er nicht tut: verschicken, Beträge berechnen, Beschlüsse formulieren. Eine Verwalterin prüft die Mappe, ergänzt und gibt frei. Aus vier Stunden Vorbereitung sind knapp 45 Minuten geworden – und das Ergebnis ist vollständiger, weil der Agent auch die Vorgänge findet, die man beim Durchblättern übersieht.

6. Häufige Fragen

Brauche ich dafür Entwickler? Für einen Agenten mit wenigen Werkzeugen nicht zwingend – mehrere Werkzeuge und Plattformen bieten das fertig an. Sobald eigene Systeme angebunden werden, braucht es technische Unterstützung; Lektion 3 zeigt, wie das aussieht.

Wie viele Schritte macht ein Agent? Das schwankt stark, von zwei bis zu mehreren Dutzend. Deshalb gehört zu jedem Agenten eine Obergrenze – sonst dreht er im Zweifel Runden, bis das Budget erschöpft ist.

Ist ein Agent dasselbe wie ein Chatbot? Nein. Ein Chatbot antwortet mit Text. Ein Agent handelt: Er ruft Werkzeuge auf und verändert dadurch etwas – genau deshalb sind Rechte und Aufsicht entscheidend.

7. Übung zum Selbermachen

Suchen Sie in Ihrem Betrieb eine Aufgabe, bei der jemand regelmäßig „mal nachsehen“ muss – in mehreren Systemen, mit wechselnden Zwischenschritten. Schreiben Sie auf, welche Quellen dabei angesehen werden und woran die Person erkennt, dass sie fertig ist. Genau diese beiden Angaben sind das Ziel und die Abbruchbedingung eines möglichen Agenten – und wenn Sie sie nicht aufschreiben können, ist die Aufgabe für einen Agenten noch nicht reif.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Anthropic (2024/2026): Building Effective Agents – Entwurfsmuster.
  2. [2]Model Context Protocol (2026): Specification. modelcontextprotocol.io.
  3. [3]Mittelstand-Digital Zentren (2026): KI-Agenten in Unternehmensprozessen.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was bekommt ein Agent statt einer Schrittfolge?