Prozessautomatisierung · Modul 5: Agenten im Unternehmen

Lektion 2 von 7Übung 17 Min.

Werkzeuge: die Hände des Agenten

Lernziele
  • Werkzeuge für Agenten sinnvoll zuschneiden
  • Beschreibungen schreiben, die richtig verstanden werden
  • lesende und schreibende Werkzeuge trennen
  • gefährliche Werkzeuge erkennen und vermeiden

Ein Agent ohne Werkzeuge ist ein Chatfenster. Erst Werkzeuge machen ihn nützlich – und zugleich riskant. Sie sind die Hände des Agenten: Was sie können, kann er; was sie nicht können, ist für ihn unmöglich. Deshalb ist der Zuschnitt der Werkzeuge die wichtigste Entwurfsentscheidung überhaupt, wichtiger als die Wahl des Modells. Diese Lektion zeigt, wie gute Werkzeuge aussehen, wie sie beschrieben werden und welche niemals vergeben werden sollten.

1. Was ein Werkzeug ist

Definition 2.1
Werkzeug (Tool)
Eine Funktion, die ein Agent aufrufen kann, mit festgelegten Eingabefeldern, einem festgelegten Ergebnis und einer Beschreibung in natürlicher Sprache. Der Agent entscheidet anhand der Beschreibung, ob und wie er sie einsetzt; die Ausführung übernimmt Ihr System, nicht das Modell.

Dieser letzte Punkt ist wichtig und wird oft missverstanden. Das Modell führt nichts aus – es schlägt einen Aufruf vor. Ihr System entscheidet, ob es ihn zulässt, prüft die Argumente und führt ihn aus. Damit liegt die Kontrolle vollständig bei Ihnen: Jede Prüfung, jede Rechtebeschränkung und jede Freigabe greift an dieser Stelle.

2. Die Beschreibung ist die Schnittstelle

VergleichZwei Beschreibungen desselben Werkzeugs
Name: rechnungen_suchen
Beschreibung: Sucht Eingangsrechnungen nach Status und
  Zeitraum. Liefert höchstens 50 Treffer mit Nummer,
  Lieferant, Betrag, Fälligkeit und Status.
  Verändert nichts. Nicht für Ausgangsrechnungen –
  dafür ausgangsrechnungen_suchen verwenden.

Eingabe:
  status   – Pflicht, einer von: offen, bezahlt, storniert
  ab       – Pflicht, Datum im Format JJJJ-MM-TT
  bis      – optional, Datum, Standard: heute
  lieferant – optional, exakter Name aus den Stammdaten

Ausgabe: Liste von Objekten mit den genannten Feldern
Rechte: nur lesend, Rolle "buchhaltung_lesen"
Der Agent liest diese Beschreibung wie eine Bedienungsanleitung: Er weiß, wann das Werkzeug passt, welche Werte erlaubt sind, was zurückkommt und wofür es nicht gedacht ist. Solche Beschreibungen entscheiden über die Qualität eines Agenten mehr als das Modell.

Fünf Angaben gehören in jede Werkzeugbeschreibung: was es tut, was zurückkommt, welche Werte erlaubt sind, ob es etwas verändert, und wofür es ausdrücklich nicht gedacht ist. Besonders der letzte Punkt wird unterschätzt – Abgrenzungen verhindern, dass ein Agent das falsche Werkzeug für eine ähnlich klingende Aufgabe wählt.

3. Werkzeuge richtig zuschneiden

Drei Regeln haben sich bewährt. Erstens eng statt breit: Zwei Werkzeuge „Rechnungen suchen“ und „Rechnung anlegen“ sind besser als ein Werkzeug „Rechnungen verwalten“, weil sich unterschiedliche Rechte daran knüpfen lassen. Zweitens wenige statt viele: Ab etwa zwanzig Werkzeugen wählt ein Agent messbar schlechter aus. Drittens ergebnisorientiert statt technisch: Ein Werkzeug „offene_posten_ermitteln“ ist besser als drei technische Einzelaufrufe, die der Agent selbst kombinieren müsste – jede Kombination, die Sie ihm abnehmen, ist eine Fehlerquelle weniger.

ÜbungWelches Werkzeug darf ein Agent haben?
  1. kunde_suchen(name) – liefert Stammdaten

  2. entwurf_anlegen(titel, text) – legt einen Entwurf an

  3. mail_senden(empfaenger, text) – verschickt sofort

  4. sql_ausfuehren(befehl) – führt beliebige Datenbankbefehle aus

  5. datei_loeschen(pfad)

  6. preis_aendern(artikel, betrag)

0 von 6 eingeschätzt
Lesen großzügig, Schreiben sparsam, Löschen und Generalschlüssel nie. Und jedes Werkzeug prüft seine Argumente selbst – niemals darauf verlassen, dass der Agent sinnvolle Werte schickt.

4. Ergebnisse zurückgeben

Auch die Antwort eines Werkzeugs will gestaltet sein. Zu viel schadet: Wer eine Liste mit 500 Datensätzen zurückgibt, treibt die Kosten hoch und überfordert den Agenten. Begrenzen Sie die Menge, geben Sie bei Bedarf einen Hinweis zurück wie „50 von 214 Treffern, bitte Zeitraum einschränken“, und liefern Sie nur die Felder, die für die Aufgabe nötig sind – das ist auch datenschutzrechtlich die bessere Wahl. Bei Fehlern gilt: verständlich antworten statt abstürzen. Eine Meldung wie „Kein Kunde mit diesem Namen gefunden, bitte genauer angeben“ bringt den Agenten auf den richtigen Weg; eine technische Fehlermeldung führt meist zu wildem Herumprobieren.

Klick-GrafikEin Werkzeug entwerfen
Aufgabe benennenEingaben festlegenPrüfungen einbauenAntwort begrenzen
Schritt 1/4 · Aufgabe benennen: Ein Werkzeug, eine Aufgabe, ein sprechender Name im Format Gegenstand_Tätigkeit: rechnungen_suchen, entwurf_anlegen, termin_pruefen.

5. Ein Beispiel

Ein Steuerbüro gab einem Agenten anfangs ein Werkzeug „mandantendaten“, das zu einem Namen alles zurücklieferte, was im System stand – inklusive Umsätzen, Notizen und Kontaktdaten. Der Agent nutzte es für jede Frage, die Antworten enthielten regelmäßig Daten, die für die Aufgabe nicht nötig waren, und die Kosten waren hoch, weil jede Antwort sehr umfangreich war. Ersetzt wurde es durch drei enge Werkzeuge: Stammdaten suchen, offene Fristen ermitteln, Belegstatus prüfen. Jedes liefert höchstens zwanzig Datensätze mit wenigen Feldern. Ergebnis: bessere Antworten, ein Drittel der Kosten – und eine Datenschutzfrage weniger, weil nur noch übertragen wird, was wirklich gebraucht wird.

6. Häufige Fragen

Wie viele Werkzeuge sind sinnvoll? Für die meisten Aufgaben im Mittelstand fünf bis zehn. Wer mehr braucht, sollte prüfen, ob es nicht eigentlich zwei Agenten mit getrennten Aufgaben sind – dazu mehr in Lektion 5.

Muss ich Werkzeuge selbst programmieren? Nicht unbedingt. Vorhandene Schnittstellen lassen sich oft direkt einbinden, und über MCP gibt es fertige Anbindungen für verbreitete Systeme – das ist Thema der nächsten Lektion.

Was, wenn der Agent ein Werkzeug falsch benutzt? Dann liegt es fast immer an der Beschreibung, nicht am Modell. Sehen Sie sich die tatsächlichen Aufrufe im Protokoll an: Meist zeigt sich, dass eine Abgrenzung fehlt oder ein Feld missverständlich benannt ist.

7. Übung zum Selbermachen

Beschreiben Sie drei Werkzeuge für einen Agenten in Ihrem Betrieb, jedes mit den fünf Angaben aus Abschnitt 2. Prüfen Sie danach jedes Werkzeug mit zwei Fragen: Was passiert im schlimmsten Fall, wenn es mit unsinnigen Werten aufgerufen wird? Und: Ließe sich damit etwas anrichten, das sich nicht rückgängig machen lässt? Wenn die Antwort auf die zweite Frage ja lautet, gehört eine Freigabe dazwischen.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Anthropic (2026): Tool use – Dokumentation und Entwurfsempfehlungen.
  2. [2]Model Context Protocol (2026): Tools, Resources, Prompts – Specification.
  3. [3]OWASP (2025): Top 10 for LLM Applications – Excessive Agency.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Wer führt einen Werkzeugaufruf aus?