Prozessautomatisierung · Modul 4: KI in Prozessen

Lektion 2 von 6Übung 16 Min.

Dokumente auslesen und Daten extrahieren

Lernziele
  • Daten aus unstrukturierten Dokumenten automatisch gewinnen
  • ein festes Ausgabeformat vorgeben und prüfen
  • Sicherheitsangaben für die Steuerung des Ablaufs nutzen
  • Grenzen bei Handschrift, Fotos und Sonderfällen einschätzen

Das Auslesen von Dokumenten ist der Anwendungsfall, bei dem KI im Mittelstand den größten unmittelbaren Nutzen bringt. Rechnungen, Lieferscheine, Bestellungen, Stundenzettel, Gutschriften – überall dort, wo Menschen heute Zahlen von einem Blatt in ein System übertragen, kann ein KI-Schritt den größten Teil der Arbeit übernehmen. Diese Lektion zeigt, wie ein solcher Schritt aufgebaut wird, wie das Ergebnis geprüft wird und wo die Grenzen liegen.

1. Vom Dokument zur Struktur

LaborWas ein KI-Schritt aus einem Dokument macht

Eingang

Musterbau GmbH
Rechnung Nr. 2026-0417
Datum: 14.09.2026

3 x Zementsack 25kg   à 8,40 €
1 x Anfahrt            35,00 €

Gesamt netto  60,20 €
USt 19 %      11,44 €
Gesamt        71,64 €

Strukturiertes Ergebnis

lieferantMusterbau GmbH
nummer2026-0417
datum2026-09-14
netto60.20
ust11.44
brutto71.64

Sicherheit: 96 %

Hohe Sicherheit: strukturiertes Dokument mit klaren Feldern – kann automatisch weiterlaufen, nach Prüfung der Rechenprobe.

Entscheidend ist, dass Sie das Ergebnisformat vorgeben, statt Fließtext zurückzubekommen. Sie legen die Felder fest – Lieferant, Nummer, Datum, Betrag – und verlangen eine Antwort genau in dieser Form. Dann kann der Ablauf damit weiterarbeiten, prüfen und vergleichen. Eine Antwort in Prosa ist für einen Ablauf wertlos.

Definition 2.1
Strukturierte Ausgabe
Die Vorgabe eines festen Antwortformats mit benannten Feldern und Datentypen, an das sich das Modell halten muss. Moderne Modelle unterstützen das ausdrücklich; die Antwort lässt sich dann wie jede andere Datenquelle weiterverarbeiten und automatisch auf Vollständigkeit prüfen.

2. Prüfen, was herauskommt

Ein KI-Schritt ohne Prüfung ist ein Risiko. Zum Glück lassen sich gerade bei Dokumenten viele Prüfungen rein rechnerisch durchführen – und die kosten nichts. Die wirkungsvollsten drei: Stimmt die Rechenprobe, also ergeben Positionen plus Steuer den Gesamtbetrag? Existiert der Lieferant oder Kunde im Stammdatenbestand? Liegt das Datum in einem plausiblen Bereich? Wer diese drei Prüfungen einbaut, fängt den weit überwiegenden Teil aller Fehler ab, bevor sie Schaden anrichten.

Klick-GrafikEin Ausleseschritt mit Absicherung
DokumentAuslesenRechnen und prüfenSicher?Weiter oder vorlegen
Schritt 1/5 · Dokument: PDF, Foto oder Mailtext gehen in den Schritt. Bei Bildern lohnt oft eine Texterkennung vorab – sie ist günstiger und liefert dem Modell eine bessere Grundlage.
Festes Ausgabeformat, leere Felder statt Erfindungen, Rechenproben als Regel. Der Ablauf entscheidet über „sicher“, nicht das Modell.

3. Grenzen kennen

ErkundenWo das Auslesen schwierig wird
HandschriftFotos vom HandyGroße TabellenBezüge auf VorherigesFremdsprachen und DialektZahlen- und Datumsformate
Handschrift: Deutlich fehleranfälliger als Druck. Bei Zahlen besonders kritisch – eine 1 und eine 7 zu verwechseln kostet Geld. Immer mit Prüfung oder Freigabe. (1/6 erkundet)

Vorbereitung entscheidet über die Trefferquote

Bevor ein Dokument an das Modell geht, lohnt sich Vorarbeit – sie kostet wenig und wirkt stärker als die Wahl eines teureren Modells. Bei PDF-Dateien gilt: Enthalten sie bereits Text, sollte dieser direkt übergeben werden, statt die Seite als Bild zu schicken. Das ist günstiger, schneller und genauer. Nur gescannte Dokumente und Fotos brauchen den Weg über die Bilderkennung. Bei mehrseitigen Dokumenten lohnt die Aufteilung: Seite für Seite verarbeiten und die Ergebnisse zusammenführen, statt zwanzig Seiten in einem Aufruf zu übergeben – dabei geraten Positionen durcheinander.

Ebenfalls hilfreich ist Kontext aus dem eigenen System. Wenn der Ablauf weiß, dass diese Mail von einem bekannten Lieferanten kommt, kann er die Liste der möglichen Artikelnummern mitgeben. Das Modell muss dann nicht raten, sondern zuordnen – und die Trefferquote steigt spürbar. Diese Art von Vorbereitung ist reine Regelarbeit und kostet nichts, hebt aber die Qualität des KI-Schritts deutlicher als jede Formulierungskunst in der Anweisung.

4. Ein Beispiel

Eine Spedition erhält monatlich rund 900 Eingangsrechnungen von Subunternehmern, überwiegend als PDF, in dutzenden verschiedenen Layouts. Der Ablauf liest Lieferant, Rechnungsnummer, Datum, Netto, Steuer und Brutto aus, rechnet nach, gleicht den Lieferanten mit dem Stammdatenbestand ab und prüft, ob die Rechnungsnummer schon einmal vorkam. Rund 80 Prozent der Rechnungen bestehen alle Prüfungen und wandern direkt in die vorbereitende Buchhaltung. Der Rest geht in eine Liste, in der links das Dokument und rechts die erkannten Werte stehen – Korrigieren dauert dort etwa 20 Sekunden statt zwei Minuten Abtippen. Die Kosten für die Modellaufrufe liegen bei einem niedrigen zweistelligen Betrag im Monat.

5. Häufige Fragen

Ist das nicht dasselbe wie Texterkennung? Nein. Texterkennung wandelt Bild in Text um, ohne zu verstehen, was die Zahlen bedeuten. Der KI-Schritt ordnet zu: Diese Zahl ist der Bruttobetrag, jene die Rechnungsnummer. In der Praxis werden beide kombiniert.

Was ist mit Datenschutz? Dokumente enthalten meist personenbezogene Daten. Es braucht also einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung mit dem Anbieter, eine Prüfung des Serverstandorts und den Ausschluss, dass die Daten zum Training verwendet werden. Bei besonders sensiblen Unterlagen kommen Modelle infrage, die auf eigener Infrastruktur laufen – Modul 8 geht darauf ein.

Wie gut wird die Erkennung? Bei sauberen PDF-Rechnungen sehr gut, bei Handschrift deutlich schlechter. Messen Sie es an Ihren eigenen Dokumenten mit einer Stichprobe von dreißig Stück, bevor Sie den Ablauf scharf schalten – das ist aussagekräftiger als jede Herstellerangabe.

6. Übung zum Selbermachen

Nehmen Sie zehn Dokumente derselben Art aus Ihrem Betrieb – etwa Eingangsrechnungen – und schreiben Sie auf, welche Felder Sie daraus jedes Mal brauchen. Legen Sie für jedes Feld den Typ fest: Text, Zahl, Datum. Notieren Sie dann drei Prüfungen, die sich rein rechnerisch durchführen lassen. Mit diesem Blatt haben Sie die vollständige Beschreibung eines Ausleseschritts – unabhängig davon, mit welchem Werkzeug Sie ihn später bauen.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Anbieterdokumentationen zu strukturierter Ausgabe (Structured Outputs), Stand 2026.
  2. [2]BSI (2025): Künstliche Intelligenz – Sicherheitsaspekte beim Einsatz von Sprachmodellen.
  3. [3]Mittelstand-Digital Zentren (2026): Dokumentenverarbeitung mit KI.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was soll das Modell bei fehlenden Angaben tun?