Prozessautomatisierung · Modul 4: KI in Prozessen

Lektion 1 von 6Übung 14 Min.

Wo KI in Prozessen wirklich hilft

Lernziele
  • Einsatzfelder von KI in Abläufen unterscheiden
  • KI als einzelnen Schritt statt als Gesamtlösung denken
  • typische Fehleinschätzungen vermeiden
  • den Nutzen für den eigenen Betrieb einordnen

KI in Abläufen wird derzeit überall angeboten, und vieles davon ist gut verkauftes Nichts. Gleichzeitig gibt es eine Handvoll Anwendungsfälle, bei denen KI wirklich etwas kann, was vorher nicht ging – und die sind für den Mittelstand relevanter, als die großen Versprechen vermuten lassen. Dieses Modul behandelt genau diese Fälle, nüchtern und praxisnah. Diese erste Lektion sortiert das Feld: Wo lohnt sich KI, wo ist eine feste Regel besser, und wo muss ein Mensch entscheiden.

1. Der eine Unterschied

KI kann eine Sache, die klassische Automatisierung nicht kann: mit unstrukturierten Inhalten umgehen. Ein Ablauf kann prüfen, ob im Feld „Anliegen“ der Wert „Reklamation“ steht. Er kann nicht erkennen, dass in einer frei formulierten Mail eine Reklamation steckt. Genau an dieser Grenze verläuft die Trennlinie zwischen beiden Welten – und daran lässt sich fast jede Frage entscheiden.

ErkundenSechs Einsatzfelder – und was sie taugen

Nutzen von 1 bis 5 – Einschätzung aus der Praxis für kleine und mittlere Betriebe.

Rechnungen, Lieferscheine, Bestellungen per Mail, handschriftliche Notizen: Daten aus Dokumenten herausholen, die keine feste Struktur haben. Der stärkste Anwendungsfall im Mittelstand.

Bemerkenswert ist der letzte Eintrag. Ein Sprachmodell rechnet nicht, es sagt vorher, welcher Text wahrscheinlich folgt. Dass dabei oft richtige Zahlen herauskommen, täuscht über die Unzuverlässigkeit hinweg. Alles, wofür es eine Formel gibt, gehört in eine Formel.

2. KI ist ein Schritt, kein Ablauf

Abb. 1.1Wo KI in einen Ablauf gehört
Abb. 1.1: Wo KI in einen Ablauf gehört. KI als ein Schritt innerhalb eines Ablaufs: Der Ablauf nimmt einen Vorgang entgegen, übergibt ihn an das Modell, prüft dessen Antwort gegen feste Regeln und führt sie dann weiter. Unsichere Ergebnisse gehen an einen Menschen.
Abb. 1.1Der Ablauf bleibt regelbasiert und behält die Kontrolle. Das Modell erledigt einen klar umrissenen Teilschritt, dessen Ergebnis geprüft wird.
Definition 1.1
KI-Schritt
Ein einzelner Arbeitsschritt innerhalb eines ansonsten regelbasierten Ablaufs, bei dem ein Sprachmodell eine klar abgegrenzte Aufgabe übernimmt – etwa Daten aus einem Dokument auslesen oder einen Text einordnen. Eingabe, erwartete Ausgabe und Prüfung sind festgelegt; alles andere bleibt Regel.

Diese Sichtweise ist der wichtigste Gedanke des Moduls. Wer KI als Schritt begreift, kann sie prüfen, messen, austauschen und im Zweifel abschalten – der Ablauf funktioniert dann eingeschränkt weiter. Wer dagegen einen Ablauf „mit KI“ baut, bei dem das Modell alles entscheidet, bekommt ein System, dessen Verhalten niemand vorhersagen kann. Agenten, die mehrere Schritte selbst planen, sind ein eigenes Thema und folgen in Modul 5 – mit entsprechend höheren Anforderungen an Leitplanken.

3. Die Einordnung üben

ÜbungKI, feste Regel oder Mensch?
  1. Aus einer PDF-Rechnung Betrag, Datum und Lieferant auslesen

  2. Prüfen, ob der Rechnungsbetrag mit der Bestellung übereinstimmt

  3. Eine Reklamation einem Sachbearbeiter zuordnen

  4. Entscheiden, ob eine Kulanzgutschrift gewährt wird

  5. Anfragen mit der Auswahl „Notfall“ sofort weiterleiten

0 von 5 eingeschätzt
KI nur dort, wo etwas verstanden werden muss, das keine Struktur hat. Alles Berechenbare bleibt Regel, alles mit Ermessen bleibt beim Menschen.

4. Was KI kostet – und was sie wert ist

Jeder KI-Schritt kostet Geld, meist Bruchteile eines Cents bis einige Cent je Vorgang, abhängig von der Textmenge und dem gewählten Modell. Das klingt nach nichts und summiert sich doch: 500 Dokumente im Monat mit je zwei Modellaufrufen sind eine kalkulierbare, aber nicht unsichtbare Position. Wichtiger als der absolute Betrag ist das Verhältnis: Wenn ein Modellaufruf drei Cent kostet und fünf Minuten Handarbeit spart, ist die Rechnung eindeutig. Wenn er drei Cent kostet, um etwas zu tun, das eine Formel gratis erledigt, ist sie es ebenfalls – nur andersherum.

Tab. 1.1Vier Fragen vor jedem KI-Schritt
FrageWenn die Antwort nein ist
Ist die Eingabe wirklich unstrukturiert?feste Regel verwenden
Lässt sich das Ergebnis prüfen?Schritt so nicht einsetzen
Ist ein Fehler verkraftbar oder wird er bemerkt?Freigabe durch einen Menschen einbauen
Spart es mehr, als es kostet?sein lassen

5. Ein Beispiel

Ein Baustoffhändler bekommt täglich rund vierzig Bestellungen per E-Mail – teils als PDF, teils als Fließtext, jede Kundschaft anders. Vorher tippte eine Mitarbeiterin sie ins Warenwirtschaftssystem, etwa vier Minuten je Bestellung. Der neue Ablauf nutzt genau einen KI-Schritt: Aus der Mail und ihren Anhängen werden Kunde, Positionen, Mengen und Wunschtermin ausgelesen und in eine feste Struktur gebracht. Alles andere macht der Ablauf mit Regeln: Artikelnummern werden gegen den Stammdatenbestand geprüft, Preise kommen aus der Warenwirtschaft, die Summe wird gerechnet, nicht geschätzt. Unklare Positionen gehen in eine Prüfliste. Ergebnis: Rund drei Viertel der Bestellungen laufen ohne Zutun durch, die Mitarbeiterin bearbeitet nur noch die Zweifelsfälle – und die Bestellungen sind morgens um acht schon erfasst, statt über den Tag verteilt.

6. Häufige Fragen

Brauche ich dafür ein eigenes, trainiertes Modell? Fast nie. Für die genannten Aufgaben reichen allgemeine Sprachmodelle über eine Schnittstelle. Eigenes Training lohnt erst bei sehr großen Mengen mit immer gleicher Struktur – und ist dann ein Projekt, kein Nebenbei.

Was ist mit den KI-Funktionen, die meine Software anbietet? Oft der einfachste Weg: keine zusätzliche Schnittstelle, keine eigene Vertragslage. Prüfen Sie, was genau sie tun und wohin die Daten gehen – dann ist das häufig die bessere Wahl als ein selbst gebauter Schritt.

Wie fange ich an? Mit einem Schritt in einem Ablauf, der ohnehin läuft, und mit einer Prüfliste dahinter. Nicht mit einem Projekt, das gleich den ganzen Posteingang übernehmen soll.

7. Übung zum Selbermachen

Sehen Sie sich an, was in Ihrem Betrieb an unstrukturierten Informationen hereinkommt: Mails, PDFs, Fotos, Notizen. Wählen Sie die häufigste Art aus und beschreiben Sie in drei Sätzen, welche Angaben Sie daraus jedes Mal herausschreiben. Genau diese Angaben wären das Ergebnis eines KI-Schritts – und die Liste ist zugleich die Grundlage für die nächste Lektion.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]WordPress und Anbieterdokumentationen der jeweils genutzten Modelle (Stand 2026).
  2. [2]Mittelstand-Digital Zentren (2026): KI in Geschäftsprozessen – Einsatzfelder.
  3. [3]Bitkom (2026): KI-Einsatz im Mittelstand – Anwendungsfälle und Hürden.

Die technische Anbindung von Sprachmodellen behandelt der Kurs Praktische KI-Integration. Hier geht es um die Frage, wo sie im Prozess sinnvoll sind.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Wofür sollte man nie ein Sprachmodell nutzen?