Prozessautomatisierung · Modul 4: KI in Prozessen

Lektion 5 von 6Übung 13 Min.

Regel oder Modell? Die Entscheidung

Lernziele
  • systematisch zwischen Regel, Modell und Mensch entscheiden
  • Kombinationen aus beidem entwerfen
  • Kosten und Nachvollziehbarkeit abwägen
  • die Entscheidung dokumentieren

Die Frage, ob ein Schritt als feste Regel oder mit einem Modell umgesetzt wird, entscheidet über Kosten, Verlässlichkeit und Nachvollziehbarkeit eines Ablaufs. Sie wird in der Praxis oft aus Gewohnheit beantwortet – wer gerade von KI begeistert ist, nimmt überall KI; wer skeptisch ist, verzichtet auch dort, wo sie hilft. Diese Lektion bietet stattdessen eine kurze Prüfung mit vier Fragen, die sich für jeden einzelnen Schritt beantworten lässt.

1. Die vier Fragen

EntscheidungshilfeVier Fragen, eine Antwort
Liegt die Information in festen Feldern vor?
Gibt es eine Formel oder feste Zuordnung dafür?
Lässt sich das Ergebnis maschinell prüfen?
Hat ein Fehler unmittelbare Geld- oder Rechtsfolgen?
Beantworten Sie die Fragen der Reihe nach für einen konkreten Schritt aus Ihrem Betrieb.

Die Reihenfolge ist bewusst gewählt. Zuerst wird ausgeschlossen, was ohnehin eine Regel ist – das betrifft mehr Fälle, als man zunächst annimmt. Dann kommt die Prüfbarkeit: Was sich nicht maschinell prüfen lässt, sollte kein Modell unbeaufsichtigt entscheiden. Und zuletzt die Folgenschwere, die über die nötige menschliche Beteiligung entscheidet.

2. Meist ist es beides

In gut gebauten Abläufen arbeiten Regeln und Modelle zusammen, statt sich auszuschließen. Das Modell übernimmt den einen Schritt, bei dem Verstehen nötig ist; Regeln bereiten vor, prüfen nach und entscheiden über den weiteren Weg. Diese Aufteilung hat einen angenehmen Nebeneffekt: Fällt der Modellanbieter aus, bleibt der Rest des Ablaufs funktionsfähig, und Vorgänge sammeln sich, statt verloren zu gehen.

ÜbungRegel, Modell oder beides?
  1. Aus 200 Eingangsrechnungen monatlich die Beträge erfassen

  2. Anfragen mit dem Wort „Notfall“ im Betreff sofort melden

  3. Erkennen, ob eine frei formulierte Mail ein Notfall ist

  4. Prüfen, ob ein Kunde seit über 60 Tagen nicht bezahlt hat

  5. Aus Fotos vom Bautagebuch einen Wochenbericht erzeugen

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3. Die stillen Vorteile der Regel

Regeln haben drei Eigenschaften, die im Alltag mehr wiegen, als ihnen zugestanden wird. Sie sind nachvollziehbar: Wenn jemand fragt, warum ein Vorgang so behandelt wurde, gibt es eine Antwort. Sie sind kostenlos und schnell, was bei hohen Stückzahlen zählt. Und sie sind stabil – eine Regel liefert in zwei Jahren dasselbe Ergebnis, während Modelle sich ändern. Deshalb lohnt bei jedem geplanten KI-Schritt die ehrliche Frage, ob sich die Aufgabe nicht doch in eine Regel fassen lässt, wenn man die Eingangsdaten etwas besser strukturiert.

Tab. 5.1Regel und Modell im direkten Vergleich
KriteriumFeste RegelModell
Kosten je Vorgangpraktisch nullBruchteile eines Cents bis einige Cent
Verlässlichkeitimmer gleichschwankend, messbar
Nachvollziehbarkeitvollständigeingeschränkt
Umgang mit Unerwartetemscheitertliefert oft etwas Brauchbares
Pflegeaufwandbei Änderungenlaufend, inkl. Modellwechsel
Erst prüfen, ob eine Regel reicht. Modelle nur für den Teil, der Verständnis braucht – und dann mit Regeln absichern.

4. Die Entscheidung festhalten

Notieren Sie für jeden KI-Schritt in einem Satz, warum er ein KI-Schritt ist. Das klingt nach Bürokratie, hat aber zwei praktische Gründe. Erstens zwingt es zur Klarheit – wer keinen Satz zustande bringt, hat die Entscheidung nicht durchdacht. Zweitens ist diese Notiz die Grundlage für spätere Überprüfungen: Wenn sich die Eingangsdaten ändern, etwa weil das Formular strukturierter geworden ist, kann aus einem KI-Schritt plötzlich eine Regel werden. Ohne die Notiz fällt das niemandem auf, und Sie bezahlen jahrelang für Modellaufrufe, die nicht mehr nötig wären.

5. Ein Beispiel

Ein Onlinehändler wollte Retourengründe automatisch auswerten. Der erste Entwurf sah einen KI-Schritt für jede Retoure vor: Freitext lesen, Grund bestimmen. Bei der Prüfung fiel auf, dass das Rücksendeformular bereits eine Auswahlliste mit sechs Gründen enthielt, die in 85 Prozent der Fälle ausgefüllt war. Die Lösung: Ist der Grund ausgewählt, greift eine Regel – kostenlos und exakt. Nur beim Freitextfeld „Sonstiges“ läuft ein Modellaufruf, der den Text einer der sechs Kategorien zuordnet oder „unklar“ meldet. Statt 4.000 Modellaufrufen im Monat sind es nun rund 600, bei besserer Datenqualität.

6. Häufige Fragen

Wann lohnt es, die Eingangsdaten zu ändern, statt KI einzusetzen? Fast immer, wenn Sie die Quelle kontrollieren. Ein Formularfeld hinzuzufügen kostet eine halbe Stunde und macht einen Modellaufruf dauerhaft überflüssig.

Was, wenn die Regel nur 80 Prozent der Fälle abdeckt? Dann ist die Kombination richtig: Regel für die 80 Prozent, Modell für den Rest, Prüfliste für die Zweifelsfälle. Genau so sind die meisten guten Abläufe gebaut.

Muss ich Kunden darüber informieren, dass KI beteiligt ist? Bei Systemen, mit denen Menschen unmittelbar interagieren – etwa einem Chat – ja. Bei internen Verarbeitungsschritten in der Regel nicht, wohl aber in der Datenschutzerklärung, wenn personenbezogene Daten an einen Anbieter gehen. Modul 8 behandelt das im Einzelnen.

7. Übung zum Selbermachen

Gehen Sie die Schritte eines geplanten Ablaufs durch und beantworten Sie für jeden die vier Fragen. Notieren Sie das Ergebnis und bei jedem KI-Schritt zusätzlich einen Satz Begründung. Prüfen Sie zum Schluss, ob sich durch eine kleine Änderung an der Datenquelle – ein zusätzliches Auswahlfeld, ein Pflichtfeld – einer der KI-Schritte einsparen ließe. In der Praxis gelingt das bei etwa jedem dritten Vorhaben.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Mittelstand-Digital Zentren (2026): Entscheidungshilfe KI oder Regelwerk.
  2. [2]Art. 50 KI-Verordnung (EU) 2024/1689 in der Fassung 2026/1744 – Transparenzpflichten.
  3. [3]Bitkom (2026): Wirtschaftlichkeit von KI-Schritten in Prozessen.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Preise und Funktionsumfang der genannten Werkzeuge ändern sich laufend – maßgeblich sind die Angaben der Anbieter.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was prüft man zuerst?