UX-Konzeption · Modul 2: Ideen und Konzept

Lektion 2 von 5Übung 14 Min.

Brainstorming, das funktioniert

Lernziele
  • eine Ideenrunde so aufbauen, dass alle beitragen
  • Sammeln und Bewerten sauber trennen
  • gezielte Impulse einsetzen, wenn nichts mehr kommt
  • Ergebnisse so festhalten, dass sie weiterverwendbar sind

Brainstorming hat einen schlechten Ruf, und zwar verdient: In der üblichen Form – alle sitzen zusammen und rufen Ideen in den Raum – bringt es nachweislich weniger und schlechtere Ideen hervor, als wenn dieselben Menschen zuerst allein nachdenken. Das liegt nicht an den Beteiligten, sondern am Ablauf. Diese Lektion zeigt eine Form, die funktioniert.

1. Warum die übliche Form scheitert

Drei Effekte wirken in jeder Zuruf-Runde gleichzeitig. Erstens kann immer nur eine Person sprechen, während die anderen warten und dabei ihre eigenen Gedanken verlieren. Zweitens richten sich alle Beiträge nach den ersten, die fallen – die Runde arbeitet danach in einer einzigen Richtung weiter. Drittens halten sich Menschen zurück, wenn Vorgesetzte im Raum sind oder die ersten Ideen bereits Applaus bekommen haben. Zusammen führt das dazu, dass Gruppen regelmäßig mit dem Vorschlag enden, mit dem sie begonnen haben.

Die Gegenmaßnahme ist schlicht: Trennen Sie das Denken vom Reden. Erst allein aufschreiben, dann gemeinsam weiterbauen.

2. Ein Ablauf, der trägt

AblaufEine Ideenrunde in 45 Minuten

Die Frage steht fest und wird vorher verschickt – nicht erst im Raum vorgelesen. Alle bringen bereits drei eigene Ideen mit. Das verhindert, dass die ersten Wortmeldungen die Richtung für alle festlegen.

Die Zeiten sind Richtwerte für eine Gruppe von vier bis sechs Personen. Größere Gruppen teilen sich besser auf, statt die Zeiten zu verlängern.

Auffällig ist, wie wenig Zeit auf das Bewerten entfällt. Das ist Absicht: Bewertung ist schnell, wenn genug Material da ist, und quälend, wenn zu wenig vorliegt. Wer am Ende einer Runde lange diskutieren muss, hat meist in der Sammelphase zu früh gebremst.

3. Die sechs Regeln

RegelnSechs Regeln und was ohne sie passiert

Ohne Regel

Alle rufen durcheinander, zwei Personen bestimmen die Richtung.

Mit Regel

Acht Minuten Stillarbeit vorweg – jeder hat etwas auf Papier, bevor die erste Meinung im Raum steht.

Die Regeln wirken nur, wenn jemand sie durchsetzt. Benennen Sie vorher, wer die Runde moderiert – und lassen Sie diese Person nicht gleichzeitig inhaltlich mitarbeiten.
Die einzige Regel, die sich nicht aufweichen lässt: In der Sammelphase wird nicht bewertet. Ein einziges „Das geht nicht“ zur falschen Zeit kostet mehr Ideen als jede Methode einbringt.

4. Wenn nichts mehr kommt

Nach etwa zwanzig Minuten versiegt jede Runde. Genau dann lohnt es sich weiterzumachen, denn die naheliegenden Ideen sind verbraucht. Helfen Sie mit Impulsen nach, die den Blickwinkel wechseln:

Tab. 2.1Impulse gegen den Stillstand
ImpulsBeispielfrageWozu
ExtremeWie sähe die Lösung aus, wenn wir 10 € hätten? Und wenn wir 100.000 € hätten?Löst gedankliche Budgetgrenzen, die niemand ausgesprochen hat
RollentauschWie würde ein Hotel dieses Problem lösen? Ein Krankenhaus?Überträgt Muster aus Branchen mit anderen Zwängen
UmkehrungWie müssten wir es machen, damit garantiert niemand anfragt?Legt Hürden offen, die im Normalfall übersehen werden
WeglassenWas, wenn es die Website gar nicht gäbe?Prüft, ob der gewohnte Kanal überhaupt der richtige ist
ZeitreiseWie hätte man das 1995 gelöst? Wie 2035?Trennt das Prinzip vom aktuellen Werkzeug

Besonders wirksam ist die Umkehrung. Die Frage, wie man Interessenten zuverlässig vertreibt, beantworten Gruppen mit großer Begeisterung und erstaunlicher Genauigkeit – und liest man die Liste danach rückwärts, steht dort ein präziser Maßnahmenplan.

5. Wer dabei sein sollte

Vier bis sechs Personen sind ideal. Wichtiger als die Zahl ist die Mischung: Mindestens eine Person sollte täglich mit den Betroffenen zu tun haben – im Beispiel einer Zahnarztpraxis also jemand vom Empfang, nicht nur die Leitung. Diese Personen kennen die echten Einwände und bewahren die Runde davor, Probleme zu lösen, die niemand hat. Laden Sie außerdem eine Person ein, die vom Thema nichts versteht; ihre Fragen sind regelmäßig die wertvollsten.

6. Ergebnisse festhalten

Am Ende steht keine Entscheidung, sondern ein geordneter Vorrat. Fotografieren Sie die Wand, übertragen Sie die Gruppen mit ihren Namen und notieren Sie zu jeder Idee einen Satz, der sie auch in vier Wochen noch verständlich macht – Stichworte auf Zetteln erschließen sich später niemandem mehr. Halten Sie zusätzlich die Ideen fest, die verworfen wurden, samt Grund. Sie tauchen sonst in der nächsten Runde erneut auf.

7. Übung zum Selbermachen

Führen Sie eine Runde nach dem Ablauf aus Abschnitt 2 durch, aber verkürzt: fünf Minuten Stillarbeit, fünf Minuten Vorstellen, fünf Minuten Aufbauen. Verwenden Sie als Frage das Ergebnis Ihrer Übung aus der vorigen Lektion. Zählen Sie am Ende die Ideen und markieren Sie die drei, auf die vor der Runde niemand gekommen war. Wenn es keine gibt, war die Sammelphase zu kurz oder es wurde zu früh bewertet.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Diehl, M. / Stroebe, W. (1987): Productivity Loss in Brainstorming Groups. Journal of Personality and Social Psychology.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Brainwriting and Ideation Methods for UX Teams.
  3. [3]Knapp, J. (2016): Sprint – Wie man in nur fünf Tagen neue Ideen testet. Redline.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Warum bringt gemeinsames Zurufen weniger Ideen als Stillarbeit?