UX-Konzeption · Modul 2: Ideen und Konzept

Lektion 4 von 5Text 13 Min.

Varianten entwickeln statt verlieben

Lernziele
  • mehrere echte Varianten statt Abwandlungen entwickeln
  • Varianten anhand ihrer Annahmen vergleichen
  • sich von einer eigenen Idee lösen
  • eine Richtung wählen, ohne die übrigen zu verlieren

Wer nur eine Idee hat, hat keine Wahl, sondern eine Überzeugung. Erst mehrere ernsthaft ausgearbeitete Varianten machen eine Entscheidung möglich – und schützen davor, sich in den ersten Entwurf zu verlieben. Diese Lektion zeigt, wie Sie Varianten erzeugen, die sich wirklich unterscheiden, und wie Sie sie vergleichen, ohne in Geschmacksfragen zu geraten.

1. Varianten sind keine Abwandlungen

Drei Entwürfe, bei denen der Knopf einmal blau, einmal grün und einmal größer ist, sind keine Varianten – sie sind derselbe Entwurf dreimal. Eine echte Variante beruht auf einer anderen Annahme darüber, was Menschen brauchen. Der Prüfstein ist einfach: Wenn sich zwei Varianten durch dieselbe Untersuchung bestätigen oder widerlegen lassen, ist es nur eine.

Definition 4.1
Variante
Ein eigenständiger Lösungsansatz, der auf einer anderen Annahme über Bedürfnis, Reihenfolge oder Einstiegspunkt beruht – nicht auf einer anderen Gestaltung derselben Annahme.

2. Vier Varianten im Vergleich

VergleichVier Varianten für dieselbe Frage

Variante A: Vertrauen zuerst

Die Seite beginnt mit Menschen und Referenzen, das Angebot folgt darunter.

Spielt ihre Stärke aus, wenn

Wirkt bei Interessenten, die noch niemanden kennen und Sicherheit suchen.

Fällt ab, wenn

Wer das Angebot vergleicht, muss scrollen und springt eher ab.

RisikogeringAufwandgering
Alle vier sind vertretbar. Der Zweck der Varianten ist nicht, drei davon zu verwerfen, sondern sichtbar zu machen, welche Annahme man mit der Wahl trifft.

Beachten Sie, dass keine der vier Varianten falsch ist. Sie unterscheiden sich in der Annahme darüber, in welchem Zustand der Besucher ankommt: ahnungslos, vergleichend oder mit klarem Auftrag. Genau diese Annahme lässt sich prüfen – und genau darum lohnt es sich, sie sichtbar zu machen, statt sie unausgesprochen in einen einzigen Entwurf einzubauen.

3. Varianten gezielt erzeugen

Wenn alle Vorschläge im Team ähnlich aussehen, hilft es, die Varianten entlang einer bewussten Achse zu bilden. Bewährt haben sich vier Achsen:

Tab. 4.1Achsen, entlang derer sich Varianten bilden lassen
AchseFrageBeispielpaar
ReihenfolgeWas kommt zuerst?Vertrauen zuerst gegen Angebot zuerst
Aufwand für den NutzerWie viel verlangen wir vorab?Ein Klick zum Rückruf gegen ausführliches Formular
Grad der FührungEntscheidet der Nutzer oder wir?Freie Navigation gegen geführten Ablauf in Schritten
KanalWo findet es überhaupt statt?Auf der Website gegen Telefon oder Messenger

Nehmen Sie eine Achse und bilden Sie bewusst die beiden Extreme, auch wenn eines davon unsinnig erscheint. Die brauchbare Lösung liegt oft nicht in der Mitte, sondern an einem Ende – und das erkennt man nur, wenn man es aufgezeichnet hat.

4. Der Vergleich ohne Geschmacksfrage

Vergleichen Sie nicht, welche Variante besser gefällt, sondern drei andere Dinge. Erstens: Welche Annahme steckt dahinter und wie sicher sind wir uns? Zweitens: Auf welches Ziel aus der Zielklärung zahlt sie ein? Drittens: Was kostet es, wenn wir uns irren – lässt sich die Entscheidung in vier Wochen zurücknehmen oder in zwei Jahren?

Die dritte Frage wird regelmäßig übersehen und ist die wichtigste. Eine Variante mit mittlerem Nutzen, die sich leicht zurücknehmen lässt, ist einer scheinbar besseren überlegen, die das Unternehmen für Jahre festlegt. Dieser Gedanke ist derselbe, der im Beitrag zu automatisierten Abläufen die Freigabegrenze bestimmt: Nicht der wahrscheinliche Nutzen entscheidet, sondern die Kosten des Irrtums.

Bewerten Sie Varianten nach Annahme, Zielbezug und Rücknehmbarkeit – nie danach, welche im Raum den meisten Zuspruch bekommt. Zuspruch misst Rhetorik, nicht Eignung.

5. Sich von der eigenen Idee lösen

Der schwierigste Teil ist persönlich. Wer eine Idee entwickelt hat, verteidigt sie, auch gegen bessere Argumente – das ist normal und lässt sich nicht wegdiskutieren, nur organisieren. Zwei Vorkehrungen helfen. Erstens: Jeder arbeitet mindestens zwei Varianten aus, nicht eine. Wer zwei eigene Ideen im Rennen hat, verteidigt keine davon bis zum Letzten. Zweitens: Lassen Sie die Vorstellung einer Variante von jemand anderem übernehmen als vom Urheber. Das klingt nach Spielerei und verändert die Diskussion spürbar.

6. Häufige Fragen

Wie viele Varianten sind sinnvoll? Drei bis vier. Zwei erzeugen ein Duell, bei dem man sich früh auf eine Seite schlägt; ab fünf sinkt die Sorgfalt bei jeder einzelnen.

Was, wenn eine Variante offensichtlich überlegen ist? Dann notieren Sie, warum, und gehen weiter – aber prüfen Sie, ob sie wirklich überlegen ist oder nur vertrauter. Vertrautheit fühlt sich oft wie Qualität an.

Darf man Varianten mischen? Ja, wenn die Mischung eine eigene, stimmige Annahme ergibt. Nein, wenn sie entsteht, um niemanden zu übergehen – solche Kompromisse verlieren die Stärken aller Ausgangsvarianten.

7. Übung zum Selbermachen

Nehmen Sie Ihre Lösungsskizze aus der vorigen Lektion. Wählen Sie eine Achse aus Tabelle 4.1 und zeichnen Sie zwei weitere Varianten, die an den Extremen dieser Achse liegen. Notieren Sie zu jeder der drei Varianten in einem Satz, welche Annahme sie über den Besucher trifft. Fragen Sie sich zum Schluss bei jeder: Was müsste wahr sein, damit gerade diese Variante die beste ist? Der Satz, bei dem Sie ins Stocken geraten, zeigt Ihnen, was Sie als Nächstes prüfen müssen.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Dow, S. et al. (2010): Parallel Prototyping Leads to Better Design Results. ACM Transactions on Computer-Human Interaction.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Parallel Design and Design Alternatives.
  3. [3]Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Wann sind zwei Entwürfe keine echten Varianten?