UX-Konzeption · Modul 2: Ideen und Konzept

Lektion 1 von 5Text 13 Min.

Das Problem richtig stellen

Lernziele
  • Beobachtungen von Problemen unterscheiden
  • das Bedürfnis hinter einer Beschwerde erkennen
  • eine Frage so stellen, dass sie Ideen erlaubt
  • vorschnelle Lösungen im Gespräch erkennen

Die meisten schlechten Konzepte scheitern nicht an mangelnder Kreativität, sondern daran, dass an der falschen Frage gearbeitet wurde. Wer mit „Wir brauchen einen Chatbot“ in die Ideenrunde geht, bekommt Chatbot-Ideen – auch dann, wenn das eigentliche Problem woanders liegt. Diese Lektion zeigt, wie Sie aus einer Beobachtung eine Frage machen, die gute Antworten überhaupt erst zulässt.

1. Beobachtung, Problem, Bedürfnis

Am Anfang steht fast immer eine Beobachtung: eine Zahl, eine Beschwerde, ein wiederkehrender Satz am Telefon. Eine Beobachtung ist noch kein Problem – sie ist ein Hinweis darauf, dass es eines geben könnte. Und ein Problem ist noch kein Bedürfnis: Es beschreibt, was nicht funktioniert, nicht, was jemand eigentlich erreichen will.

Abb. 1.1Von der Beobachtung zur Frage
Beobachtung„Nur drei von zehn Anrufern kennen unsere Preisspanne“ProblemInteressenten treten unvorbereitet in KontaktBedürfnis dahinterSie wollen sich nicht blamieren und keine Zeit verschwendenFrageWie helfen wir Interessenten, sich vorab einzuordnen?
Abb. 1.1Jede Stufe verlangt eine eigene Überlegung. Wer von der Beobachtung direkt zur Lösung springt, überspringt die beiden Stufen, auf denen sich entscheidet, ob die Lösung trägt.

Der Sprung von der zweiten auf die dritte Stufe ist der wichtigste und wird am häufigsten ausgelassen. Ein Kunde, der sagt „Ihr Formular ist zu lang“, beschreibt ein Problem. Sein Bedürfnis dahinter lautet vielleicht: Ich will nicht Daten herausgeben, bevor ich weiß, ob ihr überhaupt zu mir passt. Wer nur das Formular kürzt, hat die Beschwerde erledigt und das Bedürfnis nicht.

Definition 1.1
Problemstellung
Eine kurze, überprüfbare Aussage darüber, wer in welcher Situation was nicht erreicht und warum das für das Unternehmen von Bedeutung ist. Sie enthält keine Lösung und keine Schuldzuweisung.

2. Die Frage richtig weit stellen

Aus der Problemstellung wird eine Frage. Ihre Weite entscheidet über die Qualität der Ideen, die danach entstehen – und zwar in beide Richtungen.

VergleichDieselbe Sache, vier Fragestellungen

„Wir brauchen einen Chatbot auf der Website.“

Hier steht die Lösung schon fest, bevor jemand das Problem benannt hat. Alle weiteren Gespräche drehen sich nur noch darum, wie der Chatbot aussieht – nicht darum, ob er das Richtige löst. Diese Formulierung ist die häufigste und die teuerste.

Brauchbare Ideen
Die Zahl der Ideen ist geschätzt und dient dem Vergleich: zu eng erzeugt zu wenige, zu weit erzeugt beliebige.

Eine brauchbare Frage beginnt meist mit „Wie können wir …“, nennt die betroffene Person und die Wirkung, die erreicht werden soll, und verschweigt das Mittel. Wenn sich in Ihrer Frage bereits ein Werkzeug versteckt – Formular, Chatbot, Video, App –, ist sie zu eng. Wenn sich jede beliebige Idee darunter fassen lässt, ist sie zu weit.

Prüfen Sie jede Fragestellung mit zwei Gegenproben: Fällt mir mindestens eine Lösung ein, die nichts mit meiner ersten Idee zu tun hat? Und kann ich mindestens eine Idee nennen, die auf diese Frage keine Antwort ist? Nur wenn beides gelingt, ist der Zuschnitt richtig.

3. Die fünf Warum

Um vom Problem zum Bedürfnis zu kommen, hilft eine Technik aus der Fertigung: mehrmals hintereinander nach dem Warum fragen, bis die Antworten aufhören, technisch zu sein, und anfangen, menschlich zu werden. Ein Beispiel aus einer Zahnarztpraxis: Die Terminbuchung über die Website wird kaum genutzt. Warum? Weil Patienten lieber anrufen. Warum? Weil sie im Buchungsfenster nicht sehen, welcher Behandler frei ist. Warum ist das wichtig? Weil sie zu einer bestimmten Person wollen. Warum? Weil sie Angst haben und Vertrauen an eine Person knüpfen. An dieser Stelle hört die Technik auf und die eigentliche Erkenntnis beginnt – die Lösung liegt nicht im Kalender, sondern darin, die Behandler sichtbar zu machen.

In der Praxis reichen oft drei bis vier Durchgänge. Achten Sie darauf, dass Sie Menschen fragen, die es betrifft, und nicht im Team raten. Geratene Antworten führen verlässlich zu der Lösung, die man ohnehin bauen wollte.

4. Vorschnelle Lösungen erkennen

Tab. 1.1Formulierungen und was dahintersteckt
Was gesagt wirdWas gemeint sein könnteRückfrage
„Wir brauchen mehr Sichtbarkeit.“Die richtigen Leute finden uns nichtWer genau soll uns finden – und wonach sucht diese Person?
„Die Seite ist zu unübersichtlich.“Ich finde eine bestimmte Sache nichtWas haben Sie zuletzt gesucht und nicht gefunden?
„Machen Sie es wie Wettbewerber X.“Dort wirkt etwas professionellerWas genau wirkt dort besser – und woran machen Sie das fest?
„Das haben wir immer so gemacht.“Eine alte Entscheidung wurde nie überprüftWann wurde das festgelegt und was hat sich seitdem geändert?

Diese Rückfragen sind keine Rhetorik. Sie sind der günstigste Teil eines Projekts: Jede Minute, die hier investiert wird, spart später Tage. Notieren Sie die Antworten wörtlich – Formulierungen der Betroffenen sind später in Texten und Beschriftungen mehr wert als jede Umschreibung aus dem Team.

5. Ein Beispiel

Ein Fahrradladen wollte einen Onlineshop, weil „alle einen haben“. Die Problemstellung nach zwei Gesprächen mit Kunden lautete anders: Menschen kamen samstags in den Laden, fanden ihr Wunschmodell nicht vorrätig und kauften es dann anderswo im Netz. Das Bedürfnis war nicht, online zu kaufen, sondern vorab zu wissen, ob sich der Weg lohnt. Die Frage lautete am Ende: Wie können wir vor dem Besuch zeigen, was verfügbar ist? Umgesetzt wurde eine schlichte Verfügbarkeitsliste mit Reservierungsknopf – ein Bruchteil des Aufwands eines Shops, mit einem messbaren Effekt auf die Samstagsumsätze.

6. Häufige Fragen

Wie viele Gespräche braucht es, um ein Problem zu verstehen? Meist genügen fünf bis acht Gespräche mit Betroffenen, um die wiederkehrenden Muster zu erkennen. Mehr bringt selten neue Erkenntnisse, kostet aber Zeit.

Was, wenn die Geschäftsführung die Lösung bereits festgelegt hat? Nehmen Sie die Lösung ernst und stellen Sie die Frage dahinter trotzdem. Oft stellt sich heraus, dass die vorgegebene Lösung eine von mehreren guten ist – dann wird sie umgesetzt, aber aus dem richtigen Grund und mit dem richtigen Zuschnitt.

Kann man ein Problem zu genau beschreiben? Ja. Wenn die Problemstellung nur noch eine einzige Lösung zulässt, ist sie faktisch eine Lösung im Tarnanzug.

7. Übung zum Selbermachen

Nehmen Sie die letzte Anforderung, die in Ihrem Umfeld gestellt wurde, und schreiben Sie sie als Lösung auf. Fragen Sie dann dreimal nach dem Warum und notieren Sie die Antworten. Formulieren Sie daraus eine Frage nach dem Muster „Wie können wir es [wem] leichter machen, [was] zu erreichen?“. Prüfen Sie sie mit den beiden Gegenproben aus Abschnitt 2. Sie werden feststellen, dass die ursprüngliche Anforderung nur noch eine von mehreren Antworten ist.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Dorst, K. (2015): Frame Innovation – Create New Thinking by Design. MIT Press.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Problem Framing in UX Projects.
  3. [3]Ohno, T.: Die fünf Warum – Methode zur Ursachenanalyse aus dem Toyota-Produktionssystem.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was ist an „Wir brauchen einen Chatbot“ als Aufgabenstellung problematisch?