UX-Konzeption · Modul 1: Ziele und Nutzer

Lektion 2 von 6Übung 15 Min.

Ziele entwickeln und messbar machen

Lernziele
  • aus vagen Wünschen prüfbare Ziele machen
  • Unternehmens-, Website- und Seitenziele unterscheiden
  • Ziele mit Ausgangswert und Messung festhalten
  • Ziele von Maßnahmen trennen

Jedes Projekt beginnt mit Sätzen wie „Wir brauchen mehr Anfragen“ oder „Die Seite soll moderner wirken“. Das sind keine Ziele, sondern Wünsche – und mit Wünschen lässt sich nichts entscheiden. Wenn später die Frage aufkommt, ob die Startseite ein Video braucht oder die Navigation sieben Punkte haben darf, fehlt der Maßstab. Diese Lektion zeigt, wie aus Wünschen prüfbare Ziele werden und warum das die wichtigste halbe Stunde eines ganzen Projekts ist.

1. Die Rückfrage, die alles verändert

BaukastenVom Wunsch zum Ziel

Wunsch

„Wir brauchen mehr Anfragen“

Rückfrage

Mehr als was – und welche Art von Anfragen?

Ziel

Die Zahl qualifizierter Anfragen über das Formular steigt von 12 auf 20 im Monat.

Gemessen wird: Formulareingänge im CRM, gezählt je Monat, ohne Spam und Bewerbungen.

Das Muster ist immer dasselbe: Auf einen Wunsch folgt eine Rückfrage, und aus der Antwort entsteht ein Satz mit Zahl, Zeitraum und Ausgangswert. Ohne Ausgangswert lässt sich später nicht sagen, ob etwas besser geworden ist – und genau diese Zahl fehlt in den meisten Projektbeschreibungen.

2. Drei Ebenen von Zielen

Abb. 2.1Unternehmens-, Website- und Seitenziel
Abb. 2.1: Unternehmens-, Website- und Seitenziel. Drei Zielebenen: Das Unternehmensziel beschreibt den geschäftlichen Zweck, das Websiteziel die messbare Wirkung, das Seitenziel die Aufgabe einer einzelnen Seite. Jede Ebene leitet sich aus der darüberliegenden ab.
Abb. 2.1Jede Ebene leitet sich aus der darüberliegenden ab. Ein Seitenziel ohne Websiteziel ist Beschäftigung, ein Websiteziel ohne Unternehmensziel ist Zufall.
Definition 2.1
Seitenziel
Die eine Handlung, zu der eine einzelne Seite führen soll. Jede Seite hat genau ein primäres Ziel; alles andere ist nachrangig. Seiten mit drei gleichwertigen Zielen erreichen keines davon, weil sie die Aufmerksamkeit dritteln.

3. Ziele von Maßnahmen trennen

ÜbungZiel, Wunsch oder Maßnahme?
  1. 20 qualifizierte Anfragen im Monat statt bisher 12

  2. Eine moderne, ansprechende Website

  3. Einen Blog starten

  4. Die Zeit bis zur ersten Rückmeldung von zwei Tagen auf vier Stunden senken

  5. Bei Google auf Platz 1 stehen

0 von 5 eingeschätzt

Diese Unterscheidung wirkt pedantisch und spart im Projekt viele Stunden. Wer eine Maßnahme als Ziel setzt, kann sie nicht mehr in Frage stellen: Der Blog wird gestartet, weil er im Ziel stand – nicht weil er wirkt. Steht dagegen die gewünschte Wirkung im Ziel, lassen sich Maßnahmen vergleichen und die günstigste wählen.

4. Ein Zielbild, das trägt

Klick-GrafikIn vier Schritten zum Zielbild
Wünsche sammelnRückfragen stellenMessung festlegenPriorisieren
Schritt 1/4 · Wünsche sammeln: Alle Beteiligten nennen, was sie sich erhoffen – ohne Bewertung. Auch widersprüchliche Wünsche gehören auf die Liste, sie zeigen den eigentlichen Klärungsbedarf.
Ein brauchbares Ziel enthält eine Zahl, einen Ausgangswert, einen Zeitraum und eine Messung. Fehlt eines davon, ist es ein Wunsch – und Wünsche entscheiden keine Konflikte im Projekt.

5. Was tun, wenn niemand Zahlen hat?

Der häufigste Einwand lautet: „Wir messen das gar nicht.“ Das ist kein Hindernis, sondern der erste Befund. Drei Wege helfen. Erstens schätzen und die Schätzung festhalten – auch eine grobe Zahl ist besser als keine, solange klar ist, dass sie geschätzt wurde. Zweitens vier Wochen zählen, bevor das Projekt startet; das kostet wenig und liefert einen echten Ausgangswert. Drittens Ersatzgrößen nutzen: Wenn Anfragen nicht gezählt werden, lassen sich Angebote, Anrufe oder Termine zählen. Wichtig ist nur, dass später mit derselben Methode erneut gemessen wird.

6. Ein Beispiel

Ein Fensterbauer wollte eine neue Website, „weil die alte veraltet ist“. In der Zielklärung stellte sich heraus, dass das eigentliche Problem woanders lag: Von zwanzig Anfragen im Monat waren fünfzehn Privatkunden mit Einzelfenstern, während der Betrieb von Sanierungsprojekten lebt. Das Ziel lautete danach nicht „moderne Website“, sondern: Der Anteil der Anfragen zu Sanierungsprojekten steigt von 25 auf 50 Prozent, gemessen über ein Auswahlfeld im Formular. Diese eine Festlegung veränderte das gesamte Projekt – Struktur, Beispiele, Texte und sogar die Auswahl der Referenzen. Eine neue Website entstand trotzdem, aber sie sah anders aus als geplant.

7. Häufige Fragen

Wie viele Ziele darf ein Projekt haben? Höchstens drei, und sie müssen in eine Reihenfolge gebracht werden. Sobald zwei Ziele in Konflikt geraten – etwa mehr Anfragen gegen höhere Qualität der Anfragen –, entscheidet die Reihenfolge.

Was, wenn die Geschäftsführung andere Ziele hat als das Team? Dann ist genau das der wichtigste Befund der Zielklärung, und er gehört offen auf den Tisch. Ein Projekt mit ungeklärten Zielkonflikten scheitert später in Abstimmungsrunden, in denen niemand mehr weiß, warum.

Wie oft werden Ziele überprüft? Bei einem Website-Projekt zum Start, bei der Konzeptabnahme und drei Monate nach dem Livegang. Der letzte Termin fehlt fast immer – und ist der einzige, an dem sich zeigt, ob das Projekt gewirkt hat.

8. Übung zum Selbermachen

Schreiben Sie den wichtigsten Wunsch an Ihr nächstes Projekt auf und stellen Sie die beiden Rückfragen: Woran würden wir merken, dass er erfüllt ist? Wer soll etwas anders tun als heute? Formulieren Sie daraus einen Satz mit Zahl, Ausgangswert und Zeitraum. Prüfen Sie zum Schluss, ob Sie diese Zahl heute messen können – falls nicht, beginnen Sie mit vier Wochen Zählen, bevor irgendetwas gestaltet wird.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Doerr, J. (2018): Measure What Matters – Ziele und Schlüsselergebnisse.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Defining UX Goals and Success Metrics.
  3. [3]Mittelstand-Digital Zentren (2026): Digitalprojekte zielorientiert planen.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was fehlt dem Satz „Die Seite soll moderner wirken“?