UX-Konzeption · Modul 1: Ziele und Nutzer

Lektion 1 von 6Text 12 Min.

Zielgruppe und Nutzen klären

Lernziele
  • Zielgruppen konkret beschreiben statt allgemein „alle“ anzusprechen
  • die Aufgaben und Sorgen der Besucher als Ausgangspunkt nutzen
  • ein klares Nutzenversprechen formulieren
  • Ziele der Website messbar festlegen

Die meisten Websites scheitern nicht an schlechtem Design, sondern an einer unklaren Frage am Anfang: Für wen ist diese Seite eigentlich, und was sollen diese Menschen hier erreichen? Wird diese Frage übersprungen, entstehen Seiten, die alles ein bisschen erklären, niemanden richtig ansprechen und Besucher ratlos zurücklassen. Konzeption beginnt deshalb nicht mit Farben, Schriften oder Seitenzahlen, sondern mit den Menschen, die die Website nutzen sollen, und mit dem Nutzen, den das Unternehmen ihnen bietet. Diese Lektion zeigt, wie Sie beides so klar beschreiben, dass daraus Entscheidungen für Struktur, Inhalte und Gestaltung folgen.

1. Warum „alle“ keine Zielgruppe ist

Auf die Frage nach der Zielgruppe antworten viele Unternehmen: „Eigentlich alle.“ Das ist verständlich, denn niemand möchte Kunden ausschließen. Für die Konzeption ist diese Antwort aber wertlos, weil sich aus ihr keine Entscheidung ableiten lässt. Welche Information steht oben? Welche Sprache ist passend? Braucht es eine Online-Buchung oder eine gut sichtbare Telefonnummer? Die Antworten hängen davon ab, wer die Seite besucht. Eine klare Zielgruppe schließt niemanden aus, sie legt nur fest, für wen die Seite in erster Linie optimiert wird. Andere Besucher finden sich trotzdem zurecht, wenn die Seite gut aufgebaut ist.

Erkunden Sie am Beispiel eines Yogastudios, wie unterschiedlich drei Zielgruppen sind:

VergleichDrei Zielgruppen eines Yogastudios

Ziel

Rückenschmerzen loswerden, ohne den Alltag umzukrempeln

Sorge

Termine passen nicht in den Kalender

So wird gesucht

„Yoga Rücken Mittagspause“ auf dem Handy

Was die Website braucht

Kurszeiten sofort sichtbar, Online-Buchung, kurze Einheiten

Dieselbe Website muss alle drei überzeugen – oder bewusst eine Gruppe in den Mittelpunkt stellen. Beides ist eine Entscheidung, keine Zufälligkeit.

2. Aufgaben statt Merkmale

Definition 1.1
Jobs to be done
Ein Ansatz, der Zielgruppen nicht über Alter oder Beruf beschreibt, sondern über die Aufgabe, die sie erledigen wollen: den „Job“, für den sie ein Produkt oder eine Leistung „anheuern“. Beispiel: Niemand will eine Inspektion kaufen – man will sicher und ohne Ausfall E-Bike fahren.

Alter, Geschlecht und Wohnort sagen wenig darüber, was jemand auf einer Website sucht. Aussagekräftiger ist die Frage, welche Aufgabe die Person erledigen will und was sie dabei beschäftigt. Eine Person, die kurz vor dem Urlaub feststellt, dass ihr E-Bike nicht mehr richtig bremst, will schnell wissen, ob die Werkstatt kurzfristig einen Termin hat. Eine andere, die ein neues E-Bike plant, will beraten werden und vergleicht über Wochen. Beide sind vielleicht gleich alt und wohnen im selben Viertel, brauchen aber völlig unterschiedliche Informationen. Wer die wichtigsten zwei oder drei Aufgaben seiner Besucher kennt, weiß, welche Inhalte oben stehen und welche Wege besonders kurz sein müssen.

3. Das Nutzenversprechen

Aus Zielgruppe und Aufgabe folgt das Nutzenversprechen: ein Satz, der sagt, für wen das Angebot gedacht ist, welches Problem es löst und warum man dem Unternehmen glauben kann. Dieser Satz ist das Herz jeder Startseite. Besucher entscheiden in wenigen Sekunden, ob sie richtig sind – das Nutzenversprechen muss diese Entscheidung leicht machen. Bauen Sie selbst eines:

BaukastenEin Nutzenversprechen formulieren

Vorschau

Für Berufstätige mit Rückenbeschwerden, die keine Zeit für feste Kurstermine haben: Wir 30-minütige Yoga-Einheiten morgens, mittags und abends anbieten – über 400 Mitglieder und 4,9 Sterne bei Google.

Vollständig: Zielgruppe, Problem, Lösung und Beleg. Dieser Satz gehört – leicht gekürzt – in die erste Zeile der Startseite.

Gute Nutzenversprechen sind konkret, sprechen die Sprache der Kundschaft und vermeiden Floskeln. Üben Sie die Unterscheidung:

ÜbungStarkes oder schwaches Nutzenversprechen?
  1. „Ihr kompetenter Partner für Qualität und Service“

  2. „E-Bike-Inspektion in 48 Stunden – oder die nächste geht auf uns“

  3. „Willkommen auf unserer neuen Homepage“

  4. „Zahnreinigung ohne Wartezeit – Termine auch samstags und online buchbar“

  5. „Innovative Lösungen für die Herausforderungen von morgen“

0 von 5 eingeschätzt
Wenn ein Satz auf der Website eines Wettbewerbers genauso stehen könnte, ist er kein Nutzenversprechen. Nennen Sie Zielgruppe, Problem, Lösung und einen Beleg – so konkret wie möglich.

4. Ziele der Website festlegen

Neben der Zielgruppe braucht jede Konzeption ein klares Ziel der Website aus Sicht des Unternehmens. Soll sie Anfragen bringen, Termine füllen, Bewerbungen auslösen, Produkte verkaufen oder Fragen beantworten, damit weniger Anrufe eingehen? Meist sind es mehrere Ziele, aber eines sollte das wichtigste sein. Dieses Hauptziel bestimmt, welche Handlung auf jeder Seite im Vordergrund steht. Hilfreich ist, das Ziel messbar zu formulieren: nicht „mehr Anfragen“, sondern „zwanzig Anfragen für E-Bike-Beratung pro Monat“. So lässt sich später überprüfen, ob die Konzeption funktioniert.

Tab. 1.1Vom allgemeinen zum messbaren Ziel
AllgemeinMessbar
mehr Kunden gewinnen20 Beratungsanfragen pro Monat über das Formular
professioneller wirkenAbsprungrate der Startseite unter 50 %, mehr Klicks auf Referenzen
Telefon entlasten30 % weniger Anrufe zu Öffnungszeiten und Preisen
Personal finden5 Bewerbungen pro ausgeschriebener Stelle

5. Informationen sammeln

Woher kommt das Wissen über Zielgruppen und ihre Aufgaben? Die besten Quellen liegen oft im eigenen Unternehmen. Das Team am Telefon und an der Theke kennt die häufigsten Fragen. E-Mails und Bewertungen verraten, was Kunden wichtig ist und was sie ärgert. Die Search Console zeigt, mit welchen Begriffen Menschen die Website finden. Und fünf kurze Gespräche mit echten Kunden bringen oft mehr Erkenntnisse als jede Marktstudie: Wie sind Sie auf uns gekommen? Was war Ihnen bei der Entscheidung wichtig? Was hätte Sie beinahe abgehalten? Die Antworten auf diese drei Fragen sind die Grundlage für alles, was in den folgenden Lektionen geplant wird.

Klick-GrafikIn fünf Schritten zum Konzeptfundament
Fragen sammelnGesprächeZielgruppenVersprechenZiel
Schritt 1/5 · Fragen sammeln: Das Team notiert zwei Wochen lang alle Fragen, die Kunden am Telefon, per Mail und vor Ort stellen.

6. Ein Beispiel

Eine Zahnarztpraxis plante eine neue Website und wollte zunächst „alles“ zeigen: jede Behandlung, jedes Gerät, das ganze Team. Die Sammlung der Anruferfragen über zwei Wochen ergab ein anderes Bild: Die meisten Menschen fragten nach freien Terminen, nach Kosten für Zahnreinigung und Implantate und danach, ob die Praxis Angstpatienten behandelt. Drei kurze Gespräche bestätigten, dass gerade die Sorge vor Schmerzen und Kosten die Entscheidung prägt. Das Nutzenversprechen lautete daraufhin: „Entspannte Zahnbehandlung für alle, die sich bisher nicht getraut haben – mit klaren Kosten vorab und Online-Termin, auch samstags.“ Das Hauptziel: fünfzig Online-Buchungen im Monat. Aus diesem Fundament ergaben sich die weiteren Entscheidungen fast von selbst: Terminbuchung ganz oben, eine eigene Seite für Angstpatienten, eine Kostenübersicht statt einer langen Geräteliste. Genau so soll Konzeption wirken: Sie macht spätere Entscheidungen einfach, weil klar ist, wofür die Website da ist.

7. Häufige Fehler bei der Zielgruppenarbeit

Ein verbreiteter Fehler ist, Zielgruppen aus dem Bauch heraus zu beschreiben und dabei eigene Vorlieben auf die Kundschaft zu übertragen. Die Inhaberin eines Cafés, die selbst gern Spezialitätenkaffee trinkt, vermutet, dass alle Gäste Herkunft und Röstgrad der Bohnen interessieren. Die Gespräche mit Gästen zeigen dann, dass die meisten vor allem wissen wollen, ob es glutenfreien Kuchen gibt und ob man mit dem Laptop arbeiten darf. Ein zweiter Fehler sind zu viele Zielgruppen: Wer zehn Gruppen beschreibt, kann keine Entscheidung mehr treffen. Zwei bis drei sind für die meisten kleinen Unternehmen genug.

Ein dritter Fehler betrifft die Form. Ausführliche Personas mit erfundenen Hobbys und Lieblingsfilmen wirken lebendig, verleiten aber dazu, Details zu erfinden, statt sie herauszufinden. Hilfreicher sind knappe Karten mit belegten Aussagen: Aufgabe, Sorge, Suchweg, Entscheidungskriterien. Und schließlich wird die Zielgruppenarbeit oft einmal gemacht und dann vergessen. Besser ist, die Karten sichtbar zu halten und bei jeder größeren Entscheidung – neue Seite, neues Angebot, neue Kampagne – kurz zu fragen: Für welche Gruppe ist das, und welche ihrer Aufgaben erleichtert es?

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Christensen, C. M. et al. (2016): Competing Against Luck. New York: HarperBusiness (Jobs to be done).
  2. [2]Osterwalder, A. et al. (2014): Value Proposition Design. Hoboken: Wiley.
  3. [3]DIN EN ISO 9241-210 (2020): Ergonomie der Mensch-System-Interaktion – Menschzentrierte Gestaltung interaktiver Systeme.
  4. [4]Nielsen Norman Group (2026): Personas Make Users Memorable for Product Team Members. nngroup.com.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

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