UX-Konzeption · Modul 3: Informationsarchitektur

Lektion 5 von 7Text 13 Min.

Benennungen, die verstanden werden

Lernziele
  • interne Sprache erkennen und übersetzen
  • Beschriftungen an Handlungen ausrichten
  • Benennungen mit echten Menschen prüfen
  • Begriffe im ganzen Auftritt einheitlich halten

Die beste Struktur nützt nichts, wenn die Beschriftungen nicht verstanden werden. Benennungen sind die Stelle, an der Informationsarchitektur den Besucher berührt – und sie entstehen fast immer aus der internen Sprache, weil sie von Menschen geschrieben werden, die das Unternehmen kennen. Diese Lektion zeigt, wie Sie das erkennen und ändern.

1. Warum interne Sprache entsteht

Niemand entscheidet sich bewusst für einen unverständlichen Begriff. Interne Sprache entsteht, weil sie im Haus jeden Tag benutzt wird und dort eindeutig ist. Der Fachmann kann sich nicht mehr in jemanden hineinversetzen, der den Begriff nicht kennt – dieser Effekt hat einen Namen, den Fluch des Wissens, und er lässt sich nicht durch Nachdenken aufheben. Nur durch Nachfragen.

Verschärft wird das durch den Wunsch nach Seriosität. „Instandhaltungsleistungen“ klingt professioneller als „Reparaturen“ – und kostet Anfragen, weil niemand danach sucht und viele es nicht als das erkennen, was sie brauchen.

2. Sechs Beispiele

WerkstattInterner Begriff, besserer Begriff

So steht es oft da

Instandhaltung

Besser

Die rechte Spalte ist nicht die einzig richtige Lösung – entscheidend ist die Bewegung weg von der internen Sprache hin zu der, die Besucher selbst verwenden.
Die zuverlässigste Quelle für gute Beschriftungen sind Ihre eigenen Kunden. Notieren Sie zwei Wochen lang wörtlich, wie Anrufer ihr Anliegen schildern – diese Sätze sind die Navigation, die Sie suchen.

3. Vier Regeln für Beschriftungen

Tab. 5.1Regeln und Gegenproben
RegelGegenprobe
Benennen, was passiert, nicht was es istSteht dort ein Werkzeug („Formular“) statt einer Handlung („Anfrage senden“)?
Die Sprache der Besucher verwendenWürde jemand dieses Wort am Telefon benutzen?
Ein Begriff, eine BedeutungHeißt dasselbe an anderer Stelle anders – etwa „Leistungen“ und „Angebot“?
Kurz, aber nicht abgekürztVersteht man es ohne Kontext, wenn es allein in einem Menü steht?

Die dritte Regel wird am häufigsten verletzt und richtet den größten Schaden an. Wenn in der Navigation „Leistungen“ steht, auf der Seite „Unser Angebot“ und im Formular „Gewünschter Service“, muss der Besucher bei jedem Wechsel prüfen, ob dasselbe gemeint ist. Einheitliche Begriffe sind keine Stilfrage, sondern eine Entlastung.

4. Benennungen prüfen

Drei schnelle Verfahren genügen, und alle drei lassen sich an einem Nachmittag durchführen. Beim ersten legen Sie einer Person die Kategorienamen ohne weitere Inhalte vor und fragen: Was erwarten Sie hier? Die Antworten zeigen sofort, welche Beschriftung trägt. Beim zweiten geben Sie eine Aufgabe vor – „Sie wollen wissen, was eine Wartung kostet“ – und beobachten, worauf die Person zuerst klickt. Beim dritten prüfen Sie, welche Begriffe tatsächlich gesucht werden: Die Suchanfragen aus der Search Console und aus der internen Suche sind die ehrlichste Wortliste, die es gibt.

Die interne Suche verdient besondere Aufmerksamkeit. Wonach Menschen auf Ihrer eigenen Seite suchen, ist genau das, was sie nicht gefunden haben – und die Wörter, die sie dabei eintippen, sind die Beschriftungen, die gefehlt haben.

5. Abkürzungen, Englisch und Fachsprache

Drei Sonderfälle mit klarer Regel. Abkürzungen gehören nicht in Navigationen, außer sie sind bekannter als die ausgeschriebene Form. Englische Begriffe nur dann, wenn die Zielgruppe sie nachweislich verwendet – bei Handwerk und Mittelstand ist das selten, bei Softwareentwicklung die Regel. Fachsprache ist zulässig, wenn Fachleute die Zielgruppe sind; dann ist der Fachbegriff sogar ein Zeichen von Kompetenz. Entscheidend ist nicht die Wortart, sondern wer liest.

Ein Zwischenweg hat sich bewährt: der Fachbegriff mit Erläuterung. „Instandhaltung – Reparatur und Wartung“ bedient beide Gruppen und kostet vier Wörter. In der Hauptnavigation ist dafür kein Platz, auf Überschriften und Einstiegsseiten schon.

6. Häufige Fragen

Was ist mit Suchmaschinen – brauchen wir nicht die Fachbegriffe? Suchmaschinen bewerten längst, was Menschen tatsächlich eingeben. Die Wörter, die Ihre Kunden verwenden, sind zugleich die, nach denen gesucht wird. Ein Widerspruch zwischen Verständlichkeit und Auffindbarkeit ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Wie geht man mit Markennamen für eigene Leistungen um? Eigene Namen funktionieren nur mit Erklärung daneben. Niemand sucht nach einem Namen, den er nicht kennt – in der Navigation gehört deshalb die verständliche Bezeichnung nach vorn.

Wer entscheidet am Ende? Dieselbe benannte Person wie bei allen Konzeptentscheidungen. Benennungen erzeugen erfahrungsgemäß die längsten Diskussionen im ganzen Projekt – mit Belegen aus einem Test sind sie in Minuten entschieden.

7. Übung zum Selbermachen

Schreiben Sie die Hauptnavigation einer Website, die Sie betreuen, auf ein Blatt – nur die Wörter, ohne Inhalte. Legen Sie das Blatt drei Personen vor, die das Unternehmen nicht kennen, und fragen Sie bei jedem Punkt: Was erwarten Sie hier? Notieren Sie die Antworten wörtlich. Jeder Punkt, bei dem die Erwartung nicht zum Inhalt passt, ist eine Beschriftung, die Besucher in die Irre führt – und eine der günstigsten Verbesserungen, die es gibt.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Krug, S. (2014): Don't Make Me Think, Revisited. New Riders.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Labeling and Navigation Terminology.
  3. [3]Redish, J. (2012): Letting Go of the Words. 2. Auflage, Morgan Kaufmann.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Was ist der Fluch des Wissens?