UX-Konzeption · Modul 3: Informationsarchitektur

Lektion 7 von 7Text 12 Min.

Inhalte vor dem Design planen

Lernziele
  • verstehen, warum Inhalte die Gestaltung bestimmen sollten – nicht umgekehrt
  • ein Inhaltsinventar vor einem Relaunch anlegen
  • mit einem Seitenbrief jede Seite zielgerichtet planen
  • Zuständigkeiten und Fristen für Inhalte festlegen

Bei vielen Website-Projekten läuft es so: Zuerst wird gestaltet, dann programmiert, und kurz vor dem Start fällt auf, dass die Texte fehlen. Also werden sie schnell geschrieben, in vorgegebene Kästen gepresst und gekürzt, bis sie passen. Das Ergebnis sieht ordentlich aus, sagt aber wenig. Inhalte sind jedoch der Grund, warum Menschen eine Website besuchen. Sie sollten deshalb vor der Gestaltung geplant werden, damit die Gestaltung ihnen dienen kann. Man spricht von „Content first“. Diese Lektion zeigt, wie Sie Inhalte früh planen, bestehende Inhalte sichten und für jede Seite festlegen, was sie leisten soll.

1. Warum Inhalt zuerst kommt

Definition 5.1
Content first
Ein Vorgehen, bei dem die Inhalte einer Website – Texte, Bilder, Daten, Funktionen – vor der visuellen Gestaltung geplant und zumindest in Rohfassung erstellt werden, sodass Struktur und Gestaltung auf echte Inhalte abgestimmt werden können.

Der wichtigste Grund ist einfach: Inhalte sind selten gleichmäßig. Eine Leistung braucht drei Sätze, eine andere drei Absätze; ein Preis ist einfach, ein anderer braucht eine Erklärung. Wer mit Platzhaltern gestaltet, bemerkt das erst, wenn es teuer wird. Sehen Sie selbst:

DemoPlatzhalter gegen echten Inhalt

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Mit Platzhaltern sieht alles ordentlich aus – weil alle Texte gleich lang sind. Die Wirklichkeit ist fast nie so gleichmäßig.

2. Das Inhaltsinventar

Bei einem Relaunch steht am Anfang eine Bestandsaufnahme: das Inhaltsinventar. Dafür werden alle bestehenden Seiten in einer Tabelle erfasst – mit Adresse, Thema, Aktualität, Besucherzahlen aus der Statistik und einer Einschätzung. Für jede Seite wird entschieden: behalten, überarbeiten, zusammenlegen oder löschen. Seiten mit vielen Besuchern oder Links von außen verdienen besondere Aufmerksamkeit, denn beim Löschen muss eine Weiterleitung eingerichtet werden, damit Besucher und Suchmaschinen nicht ins Leere laufen.

Tab. 5.1Ausschnitt aus einem Inhaltsinventar
SeiteBesuche/MonatZustandEntscheidung
/prophylaxe420gut, Preise veraltetüberarbeiten
/leistungen/zahnreinigung-pzr35doppelt zu /prophylaxezusammenlegen + Weiterleitung
/news/praxisfest-20193veraltetlöschen
/angstpatientenfehlt, häufig gefragtneu erstellen

3. Der Seitenbrief

Für jede neue oder überarbeitete Seite lohnt sich ein kurzer Seitenbrief, bevor jemand zu schreiben beginnt. Er hält fest, wofür die Seite da ist, für wen, welche Fragen sie beantwortet und welcher Schritt am Ende stehen soll. Mit einem guten Seitenbrief können auch mehrere Personen oder eine Agentur schreiben, ohne dass die Seite ihr Ziel verfehlt:

VorlageEin Seitenbrief für die Leistungsseite „Zahnreinigung“
Ein Seitenbrief passt auf eine halbe Seite und wird vor dem Schreiben ausgefüllt. Klicken Sie die Felder an.
Keine Seite ohne Seitenbrief: Ziel, Zielgruppe, Kernaussage, zu beantwortende Fragen, Belege und nächster Schritt. Eine halbe Seite Planung spart Tage an Überarbeitung.

4. Inhalte priorisieren

Nicht jede Information ist gleich wichtig. Eine einfache Methode hilft beim Ordnen: Für jede Seite werden alle möglichen Inhalte gesammelt und in drei Gruppen sortiert. Unverzichtbar ist, was die Mehrheit der Besucher braucht, um zu entscheiden – etwa Preis, Ablauf und Kontakt. Hilfreich ist, was manche Besucher suchen – etwa Details zur Technik oder zur Erstattung. Verzichtbar ist, was vor allem das Unternehmen gern sagen möchte, Besucher aber selten interessiert. Unverzichtbares steht oben und ist gut sichtbar, Hilfreiches folgt weiter unten oder ist aufklappbar, Verzichtbares wird gestrichen oder auf eine eigene Seite ausgelagert.

ErkundenInhalte nach Priorität
UnverzichtbarHilfreichVerzichtbar
Unverzichtbar: Was die meisten für ihre Entscheidung brauchen: Kernaussage, Preis, Ablauf, nächster Schritt. Gehört nach oben, gut sichtbar. (1/3 erkundet)

5. Wer liefert was bis wann?

Der häufigste Grund, warum Website-Projekte sich verzögern, sind fehlende Inhalte. Texte, Fotos, Preise und Freigaben kommen später als geplant, weil sie neben dem Tagesgeschäft entstehen. Abhilfe schafft ein einfacher Inhaltsplan: eine Liste aller Seiten mit den benötigten Inhalten, der verantwortlichen Person und einer Frist. Wer Texte selbst schreibt, bekommt mit dem Seitenbrief eine klare Vorlage. Wer schreiben lässt, liefert Stichpunkte und Fakten, die nur das Unternehmen kennt. Fotos werden früh geplant, denn ein Fototermin mit dem Team lässt sich selten kurzfristig organisieren. Beurteilen Sie typische Situationen:

ÜbungGute oder schlechte Praxis?
  1. Die Texte werden geschrieben, nachdem das Design fertig ist und die Kästen feststehen

  2. Vor dem Relaunch wird eine Liste aller bestehenden Inhalte mit Bewertung angelegt

  3. Für jede Seite steht fest, wer die Texte liefert und bis wann

  4. Alle alten Unterseiten werden ungeprüft übernommen

0 von 4 eingeschätzt

6. Ein Beispiel

Eine Zahnarztpraxis wollte ihre Website erneuern. Die Agentur schlug vor, zuerst ein Inhaltsinventar anzulegen. Von 46 bestehenden Seiten wurden 12 behalten und überarbeitet, 9 zusammengelegt, 25 gelöscht und mit Weiterleitungen versehen; drei Seiten kamen neu hinzu, darunter eine für Angstpatienten, nach der am Telefon häufig gefragt wurde. Für jede Seite füllte die Praxismanagerin einen Seitenbrief aus, die Agentur schrieb auf dieser Grundlage die Texte, und erst dann entstand die Gestaltung. Das Projekt war früher fertig als ursprünglich geplant, weil keine Schleifen für fehlende oder unpassende Texte nötig waren – und die neue Website war mit einem Drittel der Seiten deutlich übersichtlicher als die alte.

7. Tonalität und Sprache

Zur Inhaltsplanung gehört auch die Frage, wie gesprochen wird. Eine kurze Sprachrichtlinie hilft, dass alle Seiten wie aus einem Guss wirken, auch wenn mehrere Personen schreiben. Sie legt fest, ob Besucher gesiezt oder geduzt werden, wie förmlich oder locker der Ton ist, welche Begriffe verwendet werden – etwa „Termin“ statt „Slot“ oder „Werkstatt“ statt „Service-Center“ – und welche Wörter vermieden werden. Besonders hilfreich ist eine kleine Liste mit Beispielen: ein gelungener und ein misslungener Satz für typische Situationen wie Begrüßung, Preisangabe oder Fehlermeldung.

Die Sprache sollte zur Zielgruppe passen. Eine Praxis für Angstpatienten schreibt ruhig, erklärend und ohne Fachbegriffe; ein Fahrradladen für sportliche Kundschaft darf technischer und direkter sein. Wichtig ist in jedem Fall Verständlichkeit: kurze Sätze, aktive Formulierungen, konkrete Angaben statt Floskeln. Texte, die ein Kunde beim ersten Lesen versteht, sind nicht nur freundlicher, sondern auch für Suchmaschinen und Barrierefreiheit besser – und sie lassen sich leichter in kurze Varianten für Social Media oder den Newsletter übertragen.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Halvorson, K.; Rach, M. (2012): Content Strategy for the Web. 2. Aufl. Berkeley: New Riders.
  2. [2]Wachter-Boettcher, S. (2012): Content Everywhere. Brooklyn: Rosenfeld Media.
  3. [3]Nielsen Norman Group (2026): Content Inventory and Auditing 101. nngroup.com.
  4. [4]Google (2026): Websites mit URL-Änderungen umziehen (Weiterleitungen). Google Search Central.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

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