- Informationsarchitektur von Navigation und Design unterscheiden
- die vier Suchhaltungen erkennen
- die Sicht der Organisation von der Sicht der Nutzer trennen
- beurteilen, wann eine Struktur ein Problem hat
Informationsarchitektur ist die unsichtbarste Disziplin im Entwurfsprozess: Wenn sie gut ist, fällt sie niemandem auf. Erst wenn sie fehlt, hört man die Sätze – „Ich finde nichts“, „Die Seite ist unübersichtlich“, „Steht das überhaupt irgendwo?“. Diese Lektion klärt, was hier eigentlich geordnet wird und warum die naheliegendste Ordnung fast immer die falsche ist.
1. Was hier geordnet wird
Informationsarchitektur beantwortet drei Fragen: Welche Inhalte gibt es? Wie werden sie gruppiert und benannt? Und über welche Wege gelangt jemand dorthin? Das ist weder Navigation noch Gestaltung – die Navigation ist nur das sichtbare Ergebnis, und das Design macht es ansehnlich. Eine schöne Navigation über einer schlechten Struktur bleibt eine schlechte Struktur.
Der letzte Halbsatz erklärt, warum sich der Aufwand lohnt. Websites werden alle drei bis fünf Jahre neu gestaltet; die zugrunde liegende Struktur überlebt zwei bis drei solcher Runden. Fehler in der Gestaltung kosten einen Nachmittag, Fehler in der Struktur begleiten ein Unternehmen ein Jahrzehnt.
2. Der häufigste Fehler
Die naheliegendste Struktur ist das Organigramm. Ein Betrieb mit den Abteilungen Neubau, Sanierung und Service baut eine Navigation mit den Punkten Neubau, Sanierung und Service. Das fühlt sich richtig an, weil es die eigene Welt korrekt abbildet – und es verlangt vom Besucher, diese Welt bereits zu kennen.
Der Besucher mit dem undichten Dach weiß nicht, ob das Sanierung oder Service ist. Er rät, klickt falsch, klickt zurück und rät erneut. Nach zwei Fehlversuchen geht er – nicht, weil die Inhalte fehlen, sondern weil die Ordnung aus einer Welt stammt, die er nicht kennt. Dasselbe gilt für Fachbegriffe: Wer „Instandhaltung“ schreibt, wo Kunden „Reparatur“ denken, hat dieselbe Hürde nur anders gebaut.
3. Vier Haltungen beim Suchen
Menschen kommen nicht in einer einzigen Verfassung auf eine Website. Eine Struktur, die nur den zielstrebigen Besucher bedient, lässt die Mehrheit im Regen stehen.
„Öffnungszeiten am Samstag“ · etwa 40 Prozent
Direkter Weg: Navigation, Suche oder ein Link im Fußbereich. Wer das nicht in zwei Klicks findet, greift zum Telefon – oder geht.
Was die Struktur leisten muss: Klare Benennungen und ein verlässlicher Ort für Standardangaben.
Die zweite Gruppe ist die anspruchsvollste und wird am häufigsten übersehen. Diese Menschen können nicht suchen, weil sie den Begriff nicht kennen – sie müssen ihr Anliegen wiedererkennen. Deshalb sind Kategorien, die aus Anlässen gebildet sind („Mein Dach ist undicht“, „Wir brauchen mehr Lagerfläche“), oft wirksamer als korrekte Fachbezeichnungen.
4. Woran man eine kranke Struktur erkennt
| Zeichen | Was dahintersteckt |
|---|---|
| Die Navigation hat mehr als sieben Punkte | Es wurde nie entschieden, was wichtig ist – alles steht gleichrangig nebeneinander |
| Es gibt einen Punkt „Sonstiges“ oder „Weiteres“ | Die Ordnung passt nicht zu den Inhalten; der Rest wurde weggeräumt statt eingeordnet |
| Dieselbe Seite ist über drei Wege erreichbar | Die Kategorien überschneiden sich – ein Hinweis auf ein falsches Ordnungsprinzip |
| Häufige Anrufe mit Fragen, die beantwortet sind | Die Inhalte existieren, aber nicht dort, wo jemand sie vermutet |
| Die interne Suche wird stark genutzt | Die Navigation trägt nicht – Suche ist hier ein Notausgang, kein Angebot |
| Niemand im Haus kann die Struktur aufzeichnen | Sie ist gewachsen statt entworfen |
| Neue Inhalte passen nirgends hinein | Die Ordnung bildet den Stand von vorgestern ab |
Drei oder mehr dieser Zeichen bedeuten, dass eine Überarbeitung der Struktur mehr bringt als jede Gestaltung. Die Reihenfolge ist dann eindeutig: erst ordnen, dann gestalten.
5. Was gute Struktur leistet
Der Nutzen zeigt sich an vier Stellen. Besucher finden schneller, was sie brauchen – das senkt Absprünge und Anrufe mit Standardfragen. Suchmaschinen verstehen die Beziehungen zwischen Seiten besser, was der Auffindbarkeit hilft. Redakteure wissen, wohin ein neuer Inhalt gehört, statt jedes Mal neu zu entscheiden. Und Entscheidungen im weiteren Projekt werden leichter, weil geklärt ist, was zusammengehört.
Der letzte Punkt wird unterschätzt. Eine geklärte Struktur beendet Diskussionen: Die Frage, ob die Referenzen auf die Startseite gehören, ist keine Geschmacksfrage mehr, wenn feststeht, welche Rolle Referenzen im Weg des Besuchers spielen.
6. Häufige Fragen
Wie lange dauert es, eine Struktur zu entwerfen? Für eine Website mit 30 bis 60 Seiten sind zwei bis drei Tage realistisch – einschließlich Inventar, Sortierübung und Abstimmung. Das ist weniger, als die spätere Diskussion über einzelne Seiten kostet.
Können wir die Struktur der alten Seite übernehmen? Nur nach Prüfung. Bestehende Strukturen sind meist gewachsen und bilden vergangene Zuständigkeiten ab. Übernehmen Sie, was sich bewährt hat, aber begründen Sie es neu.
Was ist mit der Suchfunktion? Sie ergänzt eine Struktur, ersetzt sie nie. Wer suchen muss, weil er nicht findet, hat bereits eine schlechte Erfahrung gemacht – gezählt wird das selten, gespürt immer.
7. Übung zum Selbermachen
Nehmen Sie die Website eines Unternehmens, das Sie nicht kennen, und geben Sie sich eine Aufgabe aus der zweiten Suchhaltung – etwa: Finden Sie heraus, ob dieses Unternehmen Ihnen bei einem konkreten Anliegen helfen kann. Zählen Sie die Klicks und notieren Sie jeden Moment des Zögerns. Prüfen Sie danach, wie viele der sieben Warnzeichen aus Tabelle 1.1 auf diese Seite zutreffen. Die Übung ist an fremden Seiten lehrreicher als an der eigenen, weil Sie dort nichts wissen, was der Besucher nicht auch weiß.
- [1]Rosenfeld, L. / Morville, P. / Arango, J. (2015): Information Architecture for the Web and Beyond. 4. Auflage, O'Reilly.
- [2]Nielsen Norman Group (2025): Information Architecture Basics and Common Failures.
- [3]Kalbach, J. (2007): Designing Web Navigation. O'Reilly.
Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.