- ein vollständiges Inhaltsinventar anlegen
- die richtigen Spalten erheben
- Inhalte nach Nutzen und Pflegezustand bewerten
- begründet streichen, zusammenlegen oder behalten
Bevor Inhalte geordnet werden können, muss bekannt sein, welche es gibt. Das klingt banal und ist der Schritt, den fast alle auslassen – mit der Folge, dass eine neue Struktur für Inhalte entworfen wird, die niemand gezählt hat. Diese Lektion zeigt, wie ein Inventar entsteht und wie daraus eine Entscheidung wird.
1. Warum gezählt wird
Drei Erkenntnisse kommen aus jedem Inventar, und zwar verlässlich. Erstens: Es gibt mehr Seiten als gedacht, meist um den Faktor zwei. Zweitens: Ein erheblicher Teil wird praktisch nicht aufgerufen. Drittens: Einige der wichtigsten Inhalte sind veraltet, weil sich niemand zuständig fühlte. Diese drei Befunde verändern jedes Relaunch-Gespräch, weil sie Vermutungen durch Zahlen ersetzen.
Hinzu kommt ein praktischer Nutzen: Ein Inventar ist die Grundlage für das Weiterleitungskonzept beim Umzug. Ohne Liste aller bestehenden Adressen entstehen beim Livegang Fehlerseiten – und mit ihnen der Verlust von Platzierungen, die über Jahre entstanden sind.
2. Welche Spalten gebraucht werden
| Spalte | Wozu | Woher |
|---|---|---|
| Adresse und Titel | Grundlage für Weiterleitungen und Wiedererkennung | Aus dem Redaktionssystem oder einem Crawler |
| Art des Inhalts | Zeigt, welche Muster es gibt (Leistung, Referenz, Beitrag) | Manuell, beim Durchgehen |
| Aufrufe im Jahr | Trennt Genutztes von Vergessenem | Aus der Webanalyse |
| Einstiege aus Suchmaschinen | Zeigt Seiten, die Besucher überhaupt erst bringen | Aus der Search Console |
| Letzte Aktualisierung | Deckt veraltete Aussagen auf | Aus dem Redaktionssystem |
| Zuständigkeit | Ohne benannte Person verwaist ein Inhalt | Manuell, im Gespräch |
| Zielbezug | Auf welches Ziel zahlt diese Seite ein? | Manuell, anhand der Zielklärung |
Die letzte Spalte ist die wichtigste und die einzige, die sich nicht automatisch füllen lässt. Sie zwingt zu der Frage, die ein Inventar von einer Dateiliste unterscheidet: Wozu gibt es das überhaupt? Seiten, bei denen niemand eine Antwort hat, sind die eigentliche Ausbeute der Übung.
3. Ein Inventar durchsehen
| Seite | Aufrufe/Jahr | Stand | Zielbezug |
|---|---|---|---|
| Startseite | 4.200 | aktuell | ja |
| Leistung: Wartung | 1.900 | aktuell | ja |
| Kontakt | 1.450 | aktuell | ja |
| Über uns | 890 | 2 Jahre | ja |
| Leistung: Neubau | 760 | aktuell | ja |
| Referenz: Projekt Nord | 310 | 3 Jahre | ja |
| Blog: Messebericht 2021 | 24 | 5 Jahre | nein |
| Blog: Weihnachtsgruß 2022 | 11 | 4 Jahre | nein |
| Stellenanzeige (besetzt) | 45 | 2 Jahre | nein |
| Downloads: Prospekt 2019 | 62 | 7 Jahre | nein |
| Partnerseite (Firma aufgelöst) | 8 | 6 Jahre | nein |
| Datenschutz | 130 | aktuell | ja |
So sieht ein Inventar aus: jede Seite mit Aufrufen, Alter, Pflegezustand und der Frage, ob sie auf ein Ziel einzahlt.
Achten Sie beim Filtern nach Aufrufen auf die Ausnahmen. Der Datenschutztext hat wenige Aufrufe und muss bleiben. Eine Nischenseite mit 60 Aufrufen kann wertvoll sein, wenn diese 60 Personen die richtigen sind – bei einem Spezialanbieter entscheidet nicht die Menge, sondern wer kommt. Zahlen liefern Hinweise, keine Urteile.
4. Vier mögliche Entscheidungen
Für jede Seite gibt es genau vier Ausgänge, und jede Seite bekommt einen davon – auch die, über die niemand sprechen will.
| Entscheidung | Wann | Was zu tun ist |
|---|---|---|
| Behalten | Wird genutzt, ist aktuell, zahlt auf ein Ziel ein | Unverändert übernehmen, Zuständigkeit festhalten |
| Überarbeiten | Wird genutzt, ist aber veraltet oder unklar | Inhaltlich neu fassen, bevor die Struktur steht |
| Zusammenlegen | Mehrere dünne Seiten zum selben Thema | Zu einer starken Seite vereinen, alte Adressen weiterleiten |
| Löschen | Kein Zielbezug, keine Nutzung, nicht pflegbar | Entfernen und weiterleiten – nie ersatzlos abschalten |
5. Der Widerstand
Das Löschen von Inhalten erzeugt mehr Widerstand als jede andere Entscheidung im Projekt, und zwar aus einem nachvollziehbaren Grund: Jemand hat daran gearbeitet. Drei Vorgehensweisen helfen. Erstens: Löschen Sie nicht in der Runde, sondern legen Sie eine Liste vor, die vorher niemand kommentiert hat – das trennt die Entscheidung von der Person. Zweitens: Bieten Sie die Zwischenstufe „archivieren“ an, also aus der Navigation nehmen, aber erreichbar lassen. Drittens: Zeigen Sie die Aufrufzahlen. Ein Beitrag mit elf Aufrufen in vier Jahren verteidigt sich schwer.
6. Ein Beispiel
Ein Hotel hatte 180 Seiten, von denen 44 zu Veranstaltungen gehörten, die längst vorbei waren. Das Inventar zeigte, dass diese 44 Seiten zusammen 300 Aufrufe im Jahr hatten – weniger als die Seite mit den Frühstückszeiten allein. Nach dem Zusammenlegen blieben 96 Seiten, und die Redaktion konnte erstmals alle Inhalte aktuell halten. Bemerkenswert war die Nebenwirkung: Die Zahl der Anrufe mit Standardfragen sank spürbar, weil die verbliebenen Seiten gepflegt waren und gefunden wurden.
7. Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Inventar? Für 100 Seiten etwa einen Tag, wenn die Daten aus Analyse und Redaktionssystem vorliegen. Das Erheben geht schnell; die Zeit steckt in der Spalte Zielbezug.
Brauchen wir Werkzeuge dafür? Eine Tabelle genügt. Für das Einsammeln der Adressen hilft ein Crawler, für die Zahlen die vorhandene Webanalyse – mehr ist bei dieser Größenordnung nicht nötig.
Was ist mit Inhalten, die erst geplant sind? Gehören in dieselbe Liste, mit dem Stand „geplant“. Sonst entwerfen Sie eine Struktur für den heutigen Bestand und müssen sie in drei Monaten aufbrechen.
8. Übung zum Selbermachen
Legen Sie eine Tabelle mit den Spalten aus Abschnitt 2 an und tragen Sie 20 Seiten einer Website ein, die Sie betreuen oder gut kennen. Füllen Sie zuerst alle Spalten außer dem Zielbezug – und dann diese eine. Markieren Sie jede Zeile, bei der Ihnen keine Antwort einfällt. Entscheiden Sie zum Schluss für jede Zeile eine der vier Möglichkeiten aus Tabelle 2.2. Sie werden feststellen, dass die Entscheidung leichtfällt, sobald der Zielbezug ausgefüllt ist.
- [1]Halvorson, K. / Rach, M. (2012): Content Strategy for the Web. 2. Auflage, New Riders.
- [2]Nielsen Norman Group (2025): Content Inventory and Content Audit.
- [3]Rosenfeld, L. / Morville, P. / Arango, J. (2015): Information Architecture for the Web and Beyond. O'Reilly.
Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.