UX-Konzeption · Modul 3: Informationsarchitektur

Lektion 2 von 7Übung 15 Min.

Inhalte inventarisieren und bewerten

Lernziele
  • ein vollständiges Inhaltsinventar anlegen
  • die richtigen Spalten erheben
  • Inhalte nach Nutzen und Pflegezustand bewerten
  • begründet streichen, zusammenlegen oder behalten

Bevor Inhalte geordnet werden können, muss bekannt sein, welche es gibt. Das klingt banal und ist der Schritt, den fast alle auslassen – mit der Folge, dass eine neue Struktur für Inhalte entworfen wird, die niemand gezählt hat. Diese Lektion zeigt, wie ein Inventar entsteht und wie daraus eine Entscheidung wird.

1. Warum gezählt wird

Drei Erkenntnisse kommen aus jedem Inventar, und zwar verlässlich. Erstens: Es gibt mehr Seiten als gedacht, meist um den Faktor zwei. Zweitens: Ein erheblicher Teil wird praktisch nicht aufgerufen. Drittens: Einige der wichtigsten Inhalte sind veraltet, weil sich niemand zuständig fühlte. Diese drei Befunde verändern jedes Relaunch-Gespräch, weil sie Vermutungen durch Zahlen ersetzen.

Hinzu kommt ein praktischer Nutzen: Ein Inventar ist die Grundlage für das Weiterleitungskonzept beim Umzug. Ohne Liste aller bestehenden Adressen entstehen beim Livegang Fehlerseiten – und mit ihnen der Verlust von Platzierungen, die über Jahre entstanden sind.

2. Welche Spalten gebraucht werden

Tab. 2.1Die Spalten eines Inhaltsinventars
SpalteWozuWoher
Adresse und TitelGrundlage für Weiterleitungen und WiedererkennungAus dem Redaktionssystem oder einem Crawler
Art des InhaltsZeigt, welche Muster es gibt (Leistung, Referenz, Beitrag)Manuell, beim Durchgehen
Aufrufe im JahrTrennt Genutztes von VergessenemAus der Webanalyse
Einstiege aus SuchmaschinenZeigt Seiten, die Besucher überhaupt erst bringenAus der Search Console
Letzte AktualisierungDeckt veraltete Aussagen aufAus dem Redaktionssystem
ZuständigkeitOhne benannte Person verwaist ein InhaltManuell, im Gespräch
ZielbezugAuf welches Ziel zahlt diese Seite ein?Manuell, anhand der Zielklärung

Die letzte Spalte ist die wichtigste und die einzige, die sich nicht automatisch füllen lässt. Sie zwingt zu der Frage, die ein Inventar von einer Dateiliste unterscheidet: Wozu gibt es das überhaupt? Seiten, bei denen niemand eine Antwort hat, sind die eigentliche Ausbeute der Übung.

3. Ein Inventar durchsehen

WerkzeugEin Inhaltsinventar durchsehen
SeiteAufrufe/JahrStandZielbezug
Startseite4.200aktuellja
Leistung: Wartung1.900aktuellja
Kontakt1.450aktuellja
Über uns8902 Jahreja
Leistung: Neubau760aktuellja
Referenz: Projekt Nord3103 Jahreja
Blog: Messebericht 2021245 Jahrenein
Blog: Weihnachtsgruß 2022114 Jahrenein
Stellenanzeige (besetzt)452 Jahrenein
Downloads: Prospekt 2019627 Jahrenein
Partnerseite (Firma aufgelöst)86 Jahrenein
Datenschutz130aktuellja

So sieht ein Inventar aus: jede Seite mit Aufrufen, Alter, Pflegezustand und der Frage, ob sie auf ein Ziel einzahlt.

Die Markierung ist ein Vorschlag, keine Entscheidung. Jede markierte Seite braucht eine bewusste Wahl: behalten, überarbeiten, zusammenlegen oder löschen.

Achten Sie beim Filtern nach Aufrufen auf die Ausnahmen. Der Datenschutztext hat wenige Aufrufe und muss bleiben. Eine Nischenseite mit 60 Aufrufen kann wertvoll sein, wenn diese 60 Personen die richtigen sind – bei einem Spezialanbieter entscheidet nicht die Menge, sondern wer kommt. Zahlen liefern Hinweise, keine Urteile.

4. Vier mögliche Entscheidungen

Für jede Seite gibt es genau vier Ausgänge, und jede Seite bekommt einen davon – auch die, über die niemand sprechen will.

Tab. 2.2Entscheidungen im Inventar
EntscheidungWannWas zu tun ist
BehaltenWird genutzt, ist aktuell, zahlt auf ein Ziel einUnverändert übernehmen, Zuständigkeit festhalten
ÜberarbeitenWird genutzt, ist aber veraltet oder unklarInhaltlich neu fassen, bevor die Struktur steht
ZusammenlegenMehrere dünne Seiten zum selben ThemaZu einer starken Seite vereinen, alte Adressen weiterleiten
LöschenKein Zielbezug, keine Nutzung, nicht pflegbarEntfernen und weiterleiten – nie ersatzlos abschalten
Gelöschte Seiten brauchen immer eine Weiterleitung auf die nächstbeste Seite. Eine Fehlerseite verliert nicht nur den Besucher, sondern auch die über Jahre aufgebaute Platzierung – und das für einen Inhalt, den Sie ohnehin loswerden wollten.

5. Der Widerstand

Das Löschen von Inhalten erzeugt mehr Widerstand als jede andere Entscheidung im Projekt, und zwar aus einem nachvollziehbaren Grund: Jemand hat daran gearbeitet. Drei Vorgehensweisen helfen. Erstens: Löschen Sie nicht in der Runde, sondern legen Sie eine Liste vor, die vorher niemand kommentiert hat – das trennt die Entscheidung von der Person. Zweitens: Bieten Sie die Zwischenstufe „archivieren“ an, also aus der Navigation nehmen, aber erreichbar lassen. Drittens: Zeigen Sie die Aufrufzahlen. Ein Beitrag mit elf Aufrufen in vier Jahren verteidigt sich schwer.

6. Ein Beispiel

Ein Hotel hatte 180 Seiten, von denen 44 zu Veranstaltungen gehörten, die längst vorbei waren. Das Inventar zeigte, dass diese 44 Seiten zusammen 300 Aufrufe im Jahr hatten – weniger als die Seite mit den Frühstückszeiten allein. Nach dem Zusammenlegen blieben 96 Seiten, und die Redaktion konnte erstmals alle Inhalte aktuell halten. Bemerkenswert war die Nebenwirkung: Die Zahl der Anrufe mit Standardfragen sank spürbar, weil die verbliebenen Seiten gepflegt waren und gefunden wurden.

7. Häufige Fragen

Wie lange dauert ein Inventar? Für 100 Seiten etwa einen Tag, wenn die Daten aus Analyse und Redaktionssystem vorliegen. Das Erheben geht schnell; die Zeit steckt in der Spalte Zielbezug.

Brauchen wir Werkzeuge dafür? Eine Tabelle genügt. Für das Einsammeln der Adressen hilft ein Crawler, für die Zahlen die vorhandene Webanalyse – mehr ist bei dieser Größenordnung nicht nötig.

Was ist mit Inhalten, die erst geplant sind? Gehören in dieselbe Liste, mit dem Stand „geplant“. Sonst entwerfen Sie eine Struktur für den heutigen Bestand und müssen sie in drei Monaten aufbrechen.

8. Übung zum Selbermachen

Legen Sie eine Tabelle mit den Spalten aus Abschnitt 2 an und tragen Sie 20 Seiten einer Website ein, die Sie betreuen oder gut kennen. Füllen Sie zuerst alle Spalten außer dem Zielbezug – und dann diese eine. Markieren Sie jede Zeile, bei der Ihnen keine Antwort einfällt. Entscheiden Sie zum Schluss für jede Zeile eine der vier Möglichkeiten aus Tabelle 2.2. Sie werden feststellen, dass die Entscheidung leichtfällt, sobald der Zielbezug ausgefüllt ist.

Quellen und weiterführende Literatur
  1. [1]Halvorson, K. / Rach, M. (2012): Content Strategy for the Web. 2. Auflage, New Riders.
  2. [2]Nielsen Norman Group (2025): Content Inventory and Content Audit.
  3. [3]Rosenfeld, L. / Morville, P. / Arango, J. (2015): Information Architecture for the Web and Beyond. O'Reilly.

Stand: September 2026. Kursmaterial der Klarwerk Akademie. Methoden und Werkzeuge der Konzeption entwickeln sich weiter – die Grundprinzipien nutzerzentrierter Gestaltung bleiben.

Abschlussquiz

Drei Fragen – dann ist die Lektion geschafft.

Frage 1 von 3

Welche Spalte eines Inventars lässt sich nicht automatisch füllen?